Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
Eine erfreuliche Nachricht: Ich werde den Friedestrompreis 2018 erhalten.
Diese Ehrung freut mich ausserordentlich, denn ich bin dem Internationalen Mundartarchiv «Ludwig Soumagne» in Dormagen-Zons und seinen Mitarbeitern seit Jahrzehnten verbunden. Ich schätze die Arbeit, die dieses Institut im Rhein-Kreis Neuss macht, sehr und wünschte mir, es gäbe etwas Vergleichbares auch  in der deutschsprachigen Schweiz, die sich so gern als Mundartparadies darstellt, aber für die Mundart institutionell nichts macht, gar nichts.


idiotikon1sjpg

Wort oder Ausdruck der Woche

Chiirschi, Chriesi

2018 soll ein gutes Kirschenjahr werden, hört man sagen. Das freut mich, denn Kirschen esse ich sehr gern. Als Knabe half ich auch gern bei der Kirschenernte und staunte, wie die Bauern die hohen Leitern in Egi haa konnten, wenn sie sie neu platzieren mussten.

Bereits 74 v. Chr. brachte der römische Feldherr Lucullus einige Exemplare der in der Hafenstadt Kerasos am Schwarzen Meer seit etwa 400 v. Chr. kultivierten Pflanze nach Italien. Sie waren die Vorgänger der heutigen Süsskirsche. Die Kirsche verdankt ihren Namen der Stadt Kerasos, welche heute türkisch ist und Giresun heisst. Das liest man bereits in Hieronymus Bocks «Kreüter-Buch» von 1539:

«Lucullus der edel Römer hat von ersten die Kirsen auss Ponto / vom flecken Cerasunte in Italiam bracht / davon sie noch iren namen Cerasa haben.»

Auf Lateinisch heisst die Kirsche in der Einzahl cerasum, ist also sächlich, nur der Kirschbaum cerasus ist weiblich. Der Baum muss also der Frucht bei uns das weibliche Geschlecht gegeben haben.

Im meiner Landberner Mundart sage ich der Frucht Chiirschi, die Basler sagen Kiirsi und meine aus St.Gallen stammende Frau sagt Chriesi. Die in den alemannischen Dialekten und im Schwäbischen verbreitete Form Chriesi ist wohl aus spätlateinischem cerésia mit Betonung auf der zweiten Silbe durch Wegfall des ersten Vokals entstanden.

Kirschen pflückt man im Hochdeutschen. In meiner Mundart sage ich Chiirschi abläse, die Zürcher gönd go Chriesi güne, die Schaffhauser sagen Chriesi günne oder Chriesi abnee, die Basler Kiirsi ginne, und im unteren Baselbiet sagte man traditionell Chiirsse bräche. Im einst bekannten Lied sangen wir: Chum, mir wei ga Chrieseli günne, / weiss amen Ort gar grüüseli vil. / Rooti, schwarzi, gibeligääli, / zwöi bis drüü an einem Stiil. Natürlich kann man Chiirschi, die ins Schnapsfass kommen, auch strupfe. Da braucht man die Stiele nicht und reisst die Früchte einfach ab.

Als ich noch ein Kind war, machte meine Mutter in der Kirschenzeit manchmal Chirschsuppe. Dazu röstete sie ein, zwei Esslöffel Mehl, löschte mit wenig Wasser ab, gab die entsteinten frischen Kirschen dazu und liess das Ganze kurze Zeit kochen. Selten süsste sie nach, wenn sie es für nötig befand, und richtete die dunkelrote Suppe auf geröstete Brotwürfel an. Das war ein herrliches Nachtessen.


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforschger Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March