Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".


«Näbenusse» mit Christian Schmid und Christoph Greuter zu 10 Jahre Buchhandlung Dillier in Sarnen am 23. März 2019

Vernissage des Romans «Geh, wilder Knochenmann!» von Werner Ryser, Moderation Christian Schmid, in der Buchhandlung Stauffacher, Bern, am 26.3.2019


Zitat der Woche

«Die Einsprachigkeit ist vermutlich auf die Dauer eine intellektuelle Katastrophe. Galilei hatte gegen die lateinischsprachigen Betonköpfe gekämpft, die ihm das innovative abweichende Denken durch den Verweis auf die Semantik der einen Sprache der Wissenschaft verbieten wollten. Wissenschaftlich denkbar war jenen nur, was im semantischen Gefängnis des Lateinischen sich bewegte. Nun schliesst sich die Wissenschaft wieder in das semantische Gefängnis einer einzigen Sprache ein. Das erleichtert alternatives Denken nicht. Vermutlich ist nichts weniger als die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr. Der Mainstream siegt auf der ganzen Linie. Gerade gegen den hatte die volkssprachliche Neue Wissenschaft gekämpft und auch gesiegt.»

Jürgen Trabant: Was ist Sprache? (2008)



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Wort oder Ausdruck der Woche

i Runzifal choo

Vor kurzem las ich im Rüttihubelbad Geschichten aus «Mys Worbletal» von Karl Uetz. In diesem Buch erinnert sich Uetz an seine Kinderzeit in Stettlen, wo sein Vater von 1904 bis 1911 Dorfschmied war. Im ausgezeichneten Kapitel «Die länge Summer-Abe» erzählt Uetz, wie die Kinder spielten. Dabei sei er, der schnell wachsende, ungelenke Knabe, «no vil öppe umtütschlet oder vo de angere überrieschteret worde bim Spilmache, ha no zwylige öppe ds Surbeindli agschosse, dass mer ds Wejele isch zvorderisch gsi, oder bi süsch uf ene Wäg i Runzifal cho». Uetz braucht hier die alte Redensart i Runzifal choo «in Schwierigkeiten geraten». Sie ist im «Berndeutschen Wörterbuch» mit der Bemerkung «alt» aufgeführt: i Runzifall cho, im Runzifall sy «in einer schlimmen Klemme sein, in missliche Lage geraten». Man findet sie auch im «Brienzerdeutschen Wörterbuch»: Runzifal «aussichtslose Lage», i weis nimma wie wiiter, i bin im Runzifal; und in «Adelbodetütsch»: i Rùnzifaal choä «in Schwierigkeiten geraten».

Das Wort Runzifal, in der deutschen Sprache der frühen Neuzeit meist Runtzenfal oder Ronzifal(l) geschrieben, hat eine interessante Geschichte. Es geht zurück auf die Schlacht nahe dem baskischen Dorf Roncesvalles (französisch Roncevaux, baskisch Orreaga) in den Pyrenäen, die sich am 15. August 778 ereignete. Das fränkische Heer musste den Col de Roncevaux überqueren und war wegen der Enge des Passes gezwungen, in einer langen Reihe zu gehen. Die Basken liessen das Hauptheer passieren, schnitten dann die Nachhut vom Hauptheer ab und machten sie bis auf den letzten Mann nieder. In der «Rolandssage», welche aufgrund dieses Massakers entstand, wurde der gefallene Graf Roland, der Statthalter der Bretonischen Mark, zum populärsten Helden des Frankenreiches und zum christlichen Märtyrer, weil er mit seinem Horn das Hauptheer warnte. Im 11. Jahrhundert entstand das berühmte Epos «Chanson de Roland», das um 1100 als «Rolandslied» ins Deutsche übersetzt wurde.

Runtzenfal bezeichnete in der Folge Verschiedenes, z. B. in den Übersetzungen von Suetons Kaiserviten (1536) durch Jakob Vielfeld sowohl die Pyrenäen als auch den Apennin. In der deutschen Übersetzung der «Geschichte der Juden» von 1544 lesen wir «Pyrene montes / ist der Runtzenfall», Marcus Wagners «Auserlesenes Chronicon» von 1579 erzählt «von dem Gebirge Runtzenfal» und meint damit die Pyrenäen. Im Lied «Die Jakobsbrüder» von Pamphilus Gengenbach (ca. 1480–ca. 1525) wird der Runtzenfal jedoch zum Sinnbild für die irdische Mühsal, denn eine Strophe heisst:

«Wacht uff, ir Brüder überal! / wir habend ein hohen runtzenfal, / durch den wir müssend lauffen. / Das ist die Welt mit irem Gschell, / thuot unns schlahen und rauffen.»

Der Dichter Jakob Ayrer (1544–1605) nennt in seiner «Comedia von der schönen Sidea» einen Teufel Runcifall. Und in seiner «New vermehreten Schlesischen Chronica» von 1625 behauptet Jakob Schickfuss sogar, Rübezahl sei ursprünglich «ein geborner Frantzoss / Adelichen Geschlechtes / derer von Ronsefall».

Bereits bei Gengenbach zu Beginn des 16. Jahrhunderts erhält Runtzenfal also die Bedeutung «Mühsal, ausweglose Lage», welche das Wort in der Redensart i Runzifal choo hat. Heinrich Dübi behauptet in «Drei spätmittelalterliche Legenden» von 1907, Konrad Justinger  habe in seiner «Berner Chronik» (1420–1430) das Wort Runzifall im Zusammenhang mit einer kriegerischen Niederlage gebraucht.

Für die Redensart finde ich ausserhalb der Schweiz keine Belege; in der Schweiz ist sie jedoch gut belegt: In einem Luzerner Spiel von 1743 sagt eine Figur: «Ich hab gschworä, seg ’s noh ä Mahl, ä so käm ih föllig in Runtzifahl.» 1901 lesen wir in der Berner Volkszeitung: «Amerika und England, zwei Grossmächte im Runzifal». Emanuel Friedli führt i Runzifall choo in zwei Bärndütsch-Büchern auf, nämlich in «Lützelflüh» von 1905: Runzivall, Klemme, verhängnisvolle Lage, und in «Ins» von 1914: i Runzifall choo. Hans Rudolf Balmer braucht die Redensart in einer berndeutschen Geschichte von 1958: «Wo der Häis het sölle früschi Chuchitüechli vüregäh, isch er no einisch i Runzival cho.»    

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March