Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
 


Im September 2019 erscheint mein neues Buch «Häbet nech am Huet! E Chiflete» im Cosmos Verlag
Schnabelweid, 3. Oktober 2019, 20-22 Uhr, SRF1
Veranstaltung in der Stadtbibliothek Zofingen am 21. Oktober 2019,19.30 Uhr
Vernissage mit Christoph Greuter (Gitarren) in der Buchhandlung Stauffacher Bern am 12.November 2019, 20 Uhr
Veranstaltung der Schaffhauser Buchwoche in der Stadtbibliothek Schaffhausen am 13. November 2019, 19.30 Uhr
Veranstaltung in der Stadtbibliothek Thun am 14. November 2019, 18.30 Uhr
After Eight Geschichten mit Lorenz Mühlemann im Hotel Beatus, Merligen, am 18. November 2019, 20 Uhr
Literaare, Thun, am 23. November 2019 


Zitat der Woche

Di Sprache eines Folx  bewart seine Begriffe, Empfindungen, Leidenschaften, dis alles oft bis zur feinsten Näbenausbildung, wi in einem Beheltnis auf. Man könte das Aufbewarte die Sele der Sprache nennen.   

Friedrich Gottlieb Klopstock: Über Sprache und Dichtkunst, 1779



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Wort oder Ausdruck der Woche

Dr Chüürzer zie

Karl Grunder schreibt in seinem Erzählband «Göttiwyl» von 1941 von einem «Wetthurnuusset»: «Färn hei d’Göttiwyler müesse der Chürzer zieh; drum heisst es jetz hüür für sche: Der Chifel stelle u der Mähre zum Oug luege, dass sie därung obenuuf chöme.» Die Redensart dr Chüürzer zie, den Kürzeren ziehen «unterliegen, benachteiligt werden» ist heute noch gut bekannt. «Als Gastgeber zieht man oft den Kürzeren», lesen wir im «Stern» vom 29. April 2017 und «Warum die USA den Kürzeren ziehen werden» wegen des Handelskriegs mit China in der «Wirtschafts-Woche» vom 12. Oktober 2018.

Die Redensart ist alt und kommt in der älteren Sprache in verschiedenen Formen vor: den Kurzen ziehen, den Kurzern ziehen, den Kürzern ziehen und das Kürzere ziehen. Die ältesten Belege, die mir vorliegen, stammen aus dem späten 16. Jahrhundert. In einem Roman von 1583 über den Helden Amadis aus Frankreich, dessen Geschichten in ganz Europa verschlungen wurden, lesen wir, dass ein geschlagener Ritter «wol ubel zufrieden war / dass er solt erst den kurtzern ziehen / und mit verlust abziehen». Ein Bericht von 1618 behauptet: «In Politischen sachen haben die Evangelischen Ständ allzeit den kürtzern ziehen müssen.» Und der Barockprediger Abraham a Sancta Clara witzelt 1692: «Goliath ist zwar nit so gross gewesen, aber gleichwol viermal grösser als der David, und gleichwol hat der Längere das Kürtzere gezogen.»

Der Redensart, wird erklärt, liege das Losziehen mit ungleich langen Gras- oder Strohhalmen bzw. Hölzchen zugrunde, bei dem verliert, wer den oder das kürzere zieht. Im Mittelalter spielte der Losentscheid eine wichtige Rolle, weil sich in ihm Gottes Wille offenbarte. Erklärt wird das bereits in Krünitz’ «Oekonomischer Encyklopädie» von 1792 unter dem Stichwort «kurz»:

Die Redensart sei «von der ehemahligen Art des Losens durch Stäbe von verschiedener Länge entlehnt». Dann fährt er fort:

«Man nimmt nähmlich zwei Holz-Reiser oder Stäbchen, von ungleicher Länge, welche jemand in der Hand halten kann, so, dass nur die beyden obersten Enden gesehen werden, und lässt sie heraus ziehen; Welcher alsdann das kürzere Stück heraus zieht, bekommt den schlechtesten Theil, oder geht leer aus.»

Unterstützt wird diese Interpretation durch die Tatsache, dass man dieser Art des Losziehens auf Französisch seit dem 15. Jahrhundert tirer à la courte paille «den kurzen Strohhalm ziehen» sagt.      

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March