Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
Eine erfreuliche Nachricht: Ich habe den Friedestrompreis 2018 erhalten.

Diese Ehrung freut mich ausserordentlich, denn ich bin dem Internationalen Mundartarchiv «Ludwig Soumagne» in Dormagen-Zons und seinen Mitarbeitern seit Jahrzehnten verbunden. Ich schätze die Arbeit, die dieses Institut im Rhein-Kreis Neuss macht, sehr und wünschte mir, es gäbe etwas Vergleichbares auch  in der deutschsprachigen Schweiz, die sich so gern als Mundartparadies darstellt, aber für die Mundart institutionell nichts macht, gar nichts.

Eva Schmitt-Roth, Landrat Petrauschke, Christian Schmid, Achim Thyssen, Markus Gasser (v. l. n. r.) am 28.9.2018 in Zons


Zitat der Woche

Die Wahrheit zu verabschieden ist nicht nur ein Geschenk ohne Gegenleistung, das man der «Macht» macht, sondern vor allem der Widerruf der einzigen Chance auf Emanzipation, die sich der Menschheit bietet: des Realismus, gegen Illusion und Zauberei.

Maurizio Ferraris: Manifest des neuen Realismus (2014)




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Wort oder Ausdruck der Woche

I der Äbewaag

«Grossa Dank un es unerchannts Scheme syn i ds Chüngis Härz uf der Äbewaag gsy, wa’s jitz mit dem leären Brentel zuehi giit zu ds Samis Huus», schreibt die Frutig­talerin Maria Lauber in ihrem Roman «Chüngold», der in einer sehr guten, kommen­tierten Ausgabe eben neu im Zytglogge Verlag erschienen ist. Das kleine Mädchen Chüngold wird vom Kartoffelgraben nach Hause geschickt, um in der Handbrente, einem Holzgefäss in der Grösse einer Kaffeekanne, die es an den Rechen­stiel hängt, Kaffee zu holen. Beim Zurückgehen tändelt es, vergisst die Brente am Rechenstiel, rutscht über einen Stein, fällt um und verschüttet den Kaffee. Tuft-Sami, ein Nachbar beobachtet die Szene, schickt Chüngold zu sich nach Hause, damit ihr seine Frau die Brente wieder mit Kaffee fülle. Deshalb ist in Chüngolds Herz Dank­barkeit und Scham «uf der Äbewaag», als sie auf Tuft-Samis Haus zugeht.

Wir würden heute sagen groosse Dank u Schäme si im Gliichgwicht, auf Hoch­deutsch Dankbarkeit und Scham hielten sich im Gleichgewicht. Das Wort Gleich­gewicht ist eine Lehnübersetzung aus französisch équilibre. Es kam erst im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache. Einen frühen Beleg finden wir 1680 beim Alchemisten Johann Joachim Becher, der vom «Gleichgewicht des Goldes» schreibt. Französisches équilibre geht zurück auf lateinisch equilibrium, das zusammengesetzt ist aus aequus «gleich» und libra «Waage, Pfund». Das Wort meint also, dass an beiden Seiten des Waagbalkens das gleiche Gewicht hängt.

Das Wort Äbewaag, mittelhochdeutsch ebenwâg, ist hingegen bereits im hohen Mit­tel­al­ter belegt. Es meint, dass der Waagbalken eben «waagrecht» steht und hat des­halb die Bedeutungen «Gleichgewicht» und «Horizontale». In einem «Allgemeinen Lexicon der Künste und Wissenschaften» von 1748 ist die Rede vom Meer, das sich «allzeit in der eben­wage oder horizontalen gleichheit zu halten» strebe. Auch Luther sagte bereits, «es ist eine ebenwage Abgötterei». In Daniel Sanders Wörterbuch von 1863 finden wir noch «die Ebenwag = Gleichgewicht».

Maria Lauber braucht den Ausdruck in der Äbewaag ha auch für «ausgleichen». Aus dem bernischen Habkern ist belegt in der Äbewaag ligge «waagrecht, horizontal sein» und im «Simmentaler Wörterbuch»: «Där Bundbalke ischt net ganz i der Äbewaag», eben in der Horizontale.  

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March