Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Wegen der vom Bund angeordneten ausserordentlichen Lage bezüglich Infektionsgefahr durch das Coronavirus habe ich alle Verpflichtungen abgesagt, vorläufig bis Ende Mai.


Coronakrise denglisch

Corona erfasst uns sprachlich mit einer intensiven Denglischdusche. Was war zuerst? Ich glaube Homeoffice, ein «alter» Anglizismus, der bereits im Duden-Buch «Die deutsche Sprache» von 2014 steht. Er ist sozusagen ein «eingedudeter», anerkannt zur deutschen Sprache gehöriger Anglizismus mit der Bedeutung «mit moderner Kommunikationstechnik ausgestattetes Büro im eigenen Wohnhaus»; in der aktuellen Krise eher einfach «Arbeit (via Computer) von zu Hause aus». Dazu gibt es laut «verbformen.de» das Verb homeofficen mit dem Präteritum sie homeofficten. In den sozialen Medien hat jemand sogar «alles homeofficig eingerichtet». Dass wir von einer englischen Grundform aus zwittrige Nebenformen konstruieren, ist übrigens «voll okay». Das machen wir in unserer Sprache immer so, wir werkeln an ihr herum. Beim Homeofficen muss man Konferenzgespräche oder Konferenzschaltungen machen, die jetzt sprachlich zu Conference Calls mutieren.

Dann kam das social distancing mit der jetzigen Bedeutung «Abstand halten, Körperkontakt vermeiden», ein Ausdruck, der im Englischen bereits seit den 1930er-Jahren belegt ist. Im Jahr 1973 schrieb Andrew Ivan Schwebel das Buch «Physical and Social Distancing in Teacher-Pupil Relationships». Der Titel zeigt deutlich, dass mit social distancing ursprünglich nicht räumliches, sondern mentales Abstandnehmen gemeint war. Dieser Anglizismus ist also sehr schlecht gewählt, denn er sagt, was er nicht meint. Eigentlich sollten wir physical distancing sagen; das würde auch besser verstanden.

Als die Schulen geschlossen hatten, wurden das Homeschooling oder Homelearning zum Thema, beide im Duden seit 2014. Wie sollte das Homeschoolen gehen neben dem Homeofficen, fragten sich besorgte Eltern. Werden die Kinder, d. h. die Kids (seit 2014 im Duden), da gut homegeschoolt bzw. homegeschult? Alle diese abgeleiteten Zwitterformen gibt es, im Jiddischen in England und Amerika schon seit einigen Jahren übrigens auch das Wort homeschuling, z. B. in einem Blog-Titel: «Homeschuling – a Jewish Parenting Blog».

Weil ältere Menschen in der Coronakrise als besonders stark gefährdet gelten, sollten sie nicht mehr einkaufen gehen. Deshalb ist für sie Homeshopping angesagt, das «Einkaufen per Bestellung (besonders über das Internet) von zu Hause aus». Auch Homeshopping ist seit 2014 im Duden. Dass die Alten homeshoppen bzw. homeschoppen sollen, ist mehr als eine blosse Empfehlung; für beide Wortformen gibt es Belege. Nicht nur die Alten können jetzt nicht mehr ins Fitnesscenter, deshalb ist Homefitness angesagt, alle müssen zu Hause fitnessen. «Zusammen mit Sandana gearbeitet / gefitnesst», lese ich in einem Blog.  

Dann kam es in stark betroffenen Gebieten zum Shutdown oder Lockdown. Shutdown meint in der Computersprache «Herunterfahren». Doch das Wort ist in der englischen Sprache viel älter als der Computer. Es ist seit dem 19. Jahrhundert belegt mit der Bedeutung «Schliessen einer Fabrik». Im Jahr 1832 ist in den «Records and Briefs of the United States Supreme Court» von der «probability of plant shutdown – Wahrscheinlichkeit einer Werkschliessung» die Rede. Das Wort ist im Duden von 2017 noch nicht erwähnt.

Das Verb to lock down mit den Bedeutungen «schliessen» und «einrasten» ist seit dem 18. Jahrhundert belegt. Das Substantiv lockdown stammt aus dem amerikanischen Englischen, ist seit dem 19. Jahrhundert belegt und meint ursprünglich «Abriegelung, Sperrung», z. B. von einem Gebäude oder Gelände bei einem Anschlag oder Amoklauf.    

Wir meinen mit shutdown oder lockdown in der Coronakrise das «Schliessen aller Arbeits- und Produktionsstätten und der öffentlichen Einrichtungen» bzw. das «fast vollständige Stillstehen des Erwerbslebens».

Weil man in den vom Coronavirus heimgesuchten Staaten die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränkt, will man wissen, ob sie sich an die Vorschriften halten. Dafür brauchen die Kontrollinstanzen in vielen Ländern tracking tools «Verfolgungswerkzeuge», mit denen sie über das Handy feststellen können, wohin die Benutzer gehen und wo sie sich aufhalten. Sie tracken die Nutzer und verwarnen oder bestrafen die Getrackten, wenn sie sich fehlbar verhalten haben.

Was von Männern und Frauen in Medien auf Denglisch gesagt wird, weil man sich mit Denglisch urban und kompetent geben will, könnte ebenso gut auf Deutsch gesagt werden: Wir können von Zuhause aus arbeiten, die Kinder zu Hause unterrichten, Abstand halten, was wir brauchen von zu Hause aus bestellen und unseren Körper zu Hause trainieren. Wir können das öffentliche Leben fast zum Stillstand bringen und das Wohin und Wo der Menschen über das Handy verfolgen. Aber das klingt alles so gewöhnlich in unserer deutschen Sprache. Wir, die Sprecher und Sprecherinnen dieser Sprache, verhalten uns gegenüber dem Englischen so servil wie fast keine andere Sprachgemeinschaft. Mein welscher Freund aus Bussigny hat nach der Lektüre meines Texts verärgert gesagt: Wie kann man nur! Im Französischen wäre das unmöglich.

Besonders pikant finde ich unseren Denglischeifer just jetzt, wo von verschiedenen Seiten behauptet wird, das Konzept der Globalisierung müsse neu überdacht werden. Einen grossen Teil unserer Sprache haben wir in vorauseilendem Gehorsam schon mal aufgegeben.  

EIGETS mit "Geschichten aus dem Emmental" an der Stubete am See vom 29. und 30. August 2020








idiotikon1sjpg

Wort oder Ausdruck der Woche

Gfeel, Gfeeu

In meiner Jugendzeit hörte ich in meiner Familie und bei meinen Bekannten, von denen einige Bauern waren, noch oft die Wörter Gfeeu «Glück» und Ugfeeu «Unglück». Si het Gfeeu ghaa «sie hatte Glück» oder er het Ugfeeu ghaa mit em Vee «er hatte Unglück oder Pech mit dem Vieh» waren noch alltägliche Ausdrücke. Ein Glückspilz war ein Gfeeufüdle oder, etwas gröber, ein Gfeeuhung. Heute höre ich diese Wörter kaum mehr.

Ich war lange der Meinung, Gfeeu  und seine Verwandten seien charakteristisch für das ländliche Mittelbernische. Bei Gotthelf spricht Anne Bäbi Jowäger von «Gfellhüng», und Simon Gfeller erzählt in «Eichbüehlersch» von einem, er «heig Ungfell gha u müesse lo metzge». Auch der Berner Erzähler Alfred Beck erzählt in seinen Geschichten «Der Härzchäfer» (1983) von Bänz, der einen neuen Meister sucht: «Er het Gfeel gha. Scho uf em zwöite Hof, won er aaghoschet het, isch er ebhanget.»

Ich musste jedoch einsehen, dass Gfeel auch in anderen Mundarten vorkommt: Im «Senslerdeutschen Wörterbuch» finde ich Gfeel «Glück» und Ùgfeel «Unglück, Pech». Im «Zürichdeutschen Wörterbuch» Gfell «Glück» und Ugfell, Ògfell «Missgeschick, Unglück». Im «Innerrhoder Dialekt» Gföll «Glück», gföllig «Glück habend», Oogföll «Unglück» und oogföllig «vom Pech verfolgt». Sogar im «Alemannischen Wörterbuch» der süddeutschen Alemannen findet man Gfäll «Glück» und Ugfäll «Unglück».

Das Wort ist so weit verbreitet, weil es einst zum allgemeinen hochdeutschen Wortschatz gehörte. Gefälle, abgeleitet von fallen, meint zuerst einmal «das Fallen der Fall, Sturz, Einsturz, steiler Abfall im Gelände», aber auch «was jemandem (an Geld und Gut) zufällt», z. B. in den Rechtsausdrücken Nutz und Gefell bzw. Zins und Gefell oder Zöll und Gefälle. Dass das Wort die Bedeutung «Glück», aber auch «Zufall, Schicksal» annehmen konnte, erklärt das «Deutsche Wörterbuch» mit dem Fallen der Würfel beim Würfelspiel. Tatsächlich hat gevelle bereits im Mittelhochdeutschen des hohen Mittelalters die Bedeutung «Fall der Würfel, Chance des Spiels». Im Tristan-Roman Gottfrieds von Strassburg lesen wir: «daz spiel hât guot gevelle – das Spiel verspricht Erfolg»; in der Legendensammlung «Passional» heisst es: «wirf her dîn gût gevelle und teile mit mir den gewin – mach deinen guten Wurf und teile mit mir den Gewinn». In einer Quelle von 1421 ist von «gut gelucke und gefelle» die Rede; gefelle hat hier bereits die Bedeutung «Glück».

Ich bin mir nicht sicher, ob sich Gefäll mit der Bedeutung «Glück» so sicher auf das Würfelspiel zurückführen lässt. Wenn wir Gefäll ganz allgemein verstehen als dasjenige, was uns zufällt, dann ist gutes Gefäll eben «Glück» und schlechtes Gefäll oder Ungefäll «Unheil, Unglück». Dafür brauchen wir den Fall des Würfels im Spiel nicht zu bemühen.      

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier

Wenn Unübliches geschieht, soll es auch gezeigt werden:

Albert Bächtolds Mundartroman "Pjotr Iwanowitsch" ist 2018 auf Russisch erschienen.






Artikel, Tondokumente und Videos

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March