Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Wegen der vom Bund angeordneten ausserordentlichen Lage bezüglich Infektionsgefahr durch das Coronavirus habe ich alle Verpflichtungen abgesagt, vorläufig bis Ende Mai.


EIGETS mit "Geschichten aus dem Emmental" an der Stubete am See vom 29. und 30. August 2020








idiotikon1sjpg

Wort oder Ausdruck der Woche

übersüünig

Heute, am 23. Mai, beim Duschen nach dem Radfahren – ich geriet in einen Regenschauer, der mich bis auf die Haut durchnässte –, kam mir das alte Mundartwort übersüünig in den Sinn. Ich höre in der Erinnerung meine Mutter tadelnd sagen: tue nid eso übersüünig, weil ich zu ausgelassen herumtobe. Vielleicht hätte sie auch mein Radfahren als übersüünig taxiert; ich wusste ja, dass es regnen würde, dachte jedoch, noch trocken nach Hause zu kommen, wenn ich nur früh genug losfuhr.

Ich brauche das Wort übersüünig «übermütig, ausgelassen», aber auch «überspannt, hochmütig» schon lange nicht mehr. In Schaffhausen, wo ich seit zwei Jahrzehnten lebe, sagt man überstellig; auch meine Frau, eine St. Gallerin, sagt so. Ich höre übersüünig auch im Bernbiet nicht mehr.

Man findet übersäunig auch in der alten Schriftsprache, denn in einem Text aus dem Jahr 1777 lesen wir: «Fast keine Art Leute […] sind so kurzsichtig, übersäunig, wie wir in Zürich zu sagen pflegen, als die Gelehrten.» Der Wortteil -süünig hat offensichtlich ursprünglich mit «sehen» zu tun. Das ist richtig! In meiner Kinderzeit sagten alte Bauersleute noch Gsüün für «Gesicht». Mach nid eson es Gsüün oder em Gsüün naa isch er e Moser. Gsüün ist im Althochdeutschen des frühen Mittelalters belegt als gasiuni (iu muss als ü gelesen werden) und im Mittelhochdeutschen des hohen Mittelalters als gesiune mit der Bedeutung «Gesicht, Sehkraft». Es ist verwandt mit gotisch siuns «Gesicht» und altsächsisch siun «Auge, Gesicht». Beide Wörter, Gesicht und Gsüün, sind also abgeleitet von sehen; nur ist Gsüün bis auf Reste im Mittelbernischen und in der Mundart des Entlebuchs aus der deutschen Sprache verschwunden. Mit Gsüün verwandt sind süünig und übersüünig:

Das Adjektiv süünig hat zwei Bedeutungen: Einmal meint es «ein ausdrucksstarkes oder hübsches Gesicht haben», z. B. im Ausdruck es süünigs Meitschi «ein hübsches Mädchen». Dann meint es auch «launisch, eigensinnig sein», z. B. von Kühen: es süünigs Chueli.

Das Wort übersüünig hat neben «übermütig, ausgelassen, hochmütig» noch andere Bedeutungen, die näher bei sehen liegen, nämlich: 1) «schlecht sehend, schielend»: bisch übersüünig, dass d daas nüd gseesch. 2) «alles übersehend, täppisch»: dä üübersüünig Käärli gseet d Aarbet nit. 3) «übel gelaunt, sauertöpfisch»: er isch en üübersüünige Hund. 4) «überspannt, exzentrisch»: si het sich uf en üübersüünegi Aart binoo.

Aus dem Adjektiv übersüünig ist das Substantiv Übersüünigi «Übermut, Anmassung» abgeleitet»: «Es dünkt mich, d’ Übersünigi sollte dir afe vergangen sein, es wäre Zeit», sagt Bethi zu Felix im Roman «Die Käserei in der Vehfreude» von Jeremias Gotthelf.    

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier

Wenn Unübliches geschieht, soll es auch gezeigt werden:

Albert Bächtolds Mundartroman "Pjotr Iwanowitsch" ist 2018 auf Russisch erschienen.






Artikel, Tondokumente und Video



Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March