Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
 


Mein neues Buch «Häbet nech am Huet! E Chiflete» (Cosmos Verlag) ist im Buchhandel
Veranstaltungen:

After Eight Geschichten mit Lorenz Mühlemann im Hotel Beatus, Merligen, am 18. November 2019, 20 Uhr
Literaare, Thun, am 23. November 2019, 16 und 17 Uhr
Kaleidoskop Riehen, mit Markus Gasser, am 21. Januar 2020 


Zitat der Woche

Mundart ist [...] nicht nur, was mundartlich ist, so paradox dies klingen mag, sondern was von den in ihr Aufgewachsenen oder mit ihr Vertrauten willentlich oder vermeintlich als Mundart gesprochen wird.

Walter Henzen: Schriftsprache und Mundart, Bern 1954



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Wort oder Ausdruck der Woche

Naachrichte

Vor kurzem fragte mich meine Tochter: Du, weshalb hören wir am Radio eigentlich Nachrichten. Die Französisch Sprechenden hören les nouvelles, die Englisch Sprechenden the news. Was gibt es denn da bei uns nachzurichten? Ich konnte ihr nicht aus dem Stegreif antworten, was mich natürlich wurmte, weil die Frage so einfach und so klar war.

Das Wort Nachricht ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Etwas länger, nämlich bereits seit der Mitte des 16. Jahrhunderts nachweisbar, ist Nachrichtung. Wenn im Titel einer Chronik von 1577 behauptet wird, das Buch sei «zu guter nachrichtung zugebrauchen», meint nachrichtung hier «etwas, nach dem man sich richten kann». Diese Bedeutung hat auch Nachricht in Belegen aus dem frühen 17. Jahrhundert. In einer Schweizer Urkunde von 1602 heisst es, «brief umb käuf sollen jedem nachfahren zur nachricht überantwortet werden»; gemeint ist hier, «jedem Nachfahren, damit er sich danach richten kann». Häufig ist im 17. Jahrhundert die Formel, eine Urkunde sei zu Wüssenschaft und Nachrichtung ausgestellt, d. h. dass man sie zur Kenntnis nehme und sich danach richte.

Nachrichtung und Nachricht haben jedoch von Anfang an eine zweite Bedeutung, nämlich «Bericht, Mitteilung, Information». Laut der Schrift «Peinlich Halsgericht» von 1569 soll entlöhnt werden, wer über einen Gesetzesbrecher «nachrichtung geben» kann, damit er gefasst wird. Nachrichtung geben meint hier eindeutig «Bericht geben, Mitteilung machen, informieren». Im 17. Jahrhundert werden viele Texte als Nachricht gekennzeichnet, die etwas mitteilen oder über etwas berichten und informieren. So 1663 die «Gewisse Nachricht / von der Vestung Neuhäusel in Ober Hungarn», die berichtet, wie die Festung im Türkenkrieg 1663/64 an den osmanischen Grosswesir übergeben wurde.

Nachricht steht also von Anfang an sowohl für lateinisches instructio als auch für informatio. Es ist abgeleitet vom sehr vieldeutigen Verb richten mit der Grundbedeutung «recht machen», das auf Sprachliches bezogen auch in den Wörtern ausrichten, benachrichtigen, Benachrichtigung, Bericht, berichten, richten im Sinne von «Recht sprechen», Unterricht, unterrichten vorkommt. Eine Nachricht im Sinne von informatio ist also in ihrer ursprünglichen Bedeutung eine «nachträgliche richtige Mitteilung über einen Sachverhalt, der sich zugetragen hat». Abgeschwächt wird es im Verlauf der Zeit zu «Bericht, Mitteilung über Geschehenes». Im Duden-Buch «»Die deutsche Sprache» von 2014 wird das Wort so erklärt: «Mitteilung, die jemandem in Bezug auf jemanden oder etwas [für ihn persönlich] Wichtiges die Kenntnis des neuesten Sachverhalts vermittelt.» In den Printmedien wird das Wort in der Mehrzahl für Zeitungstitel verwendet, z. B. bereits im 18. Jahrhundert: «Donnerstags-Nachrichten von Zürich», «Nördlingische wöchentliche Nachrichten» und bis heute «Schaffhauser Nachrichten», «Freiburger Nachrichten». Im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Nachrichtenagenturen, die mit der Erfindung der Telegrafie grosse Bedeutung für Handel, Politik und Medien erhielten, und seit dem 20. Jahrhundert kennen wir die Nachrichtensendung und das Nachrichtenjournal, eben d Naachrichte, in den elektronischen Medien. Heute sprechen wir eher von Newsjouranlistinnen, die Newsjournalismus machen und Newssendungen produzieren und verdrängen damit das traditionelle Nachricht, in dem noch das Richtigmachen anklingt, durch das Neue, das geliefert werden soll. Es gibt Fake news, Fake Nachrichten wäre ein Widerspruch in sich.

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Artikel, Tondokumente und Videos

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March