Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

NEIN ZU "NO BILLAG"

Wenn Sie NICHT wollen, dass

- wir in der Schweiz keine öffentlich-rechtlichen elektronischen Medien mehr haben,

- der öffentlich-rechtliche Medienverbund der Sprachregionen zerschlagen und zum Spielball privater Interessen wird,

- die Klein- und Grosskunst im Bereich der elektronischen Medien den wichtigsten Ansprechpartner, Unterstützer, Förderer und kritischen Begleiter verliert,

- öffentlich-rechtliche Informations- und Kultursendungen wie "Echo der Zeit", "Tagesschau", "Schnabelweid", "Hörspiel", "Kontext", "Diskothek", "Kassensturz" und "Netz Natur" für immer verschwinden,

- die Schweiz ihre elektronische Medienselbständigkeit verliert,

- vor allem in den Randregionen Dutzende von privaten Medienanbietern eingehen,

dann sagen Sie NEIN zu "No Billag". "No Billag" ist eine von einer rechtsnationalen Machtelite gegen eine Schweiz mit einer starken eigenen, vielfältigen, kritischen Kultur gerichtete Initiative.




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Wort oder Ausdruck der Woche

boghälsele

Wurde ich als Kind zurechtgewiesen und wollte die Zurechtweisung nicht annehmen, sondern trotzte und warf den Kopf auf, konnte man mir sagen: Muesch nid no wölle boghälsele. Das Verb boghälsele «trotzen, den Kopf aufwerfen» höre ich heute nicht mehr. Im «Idiotikon» finde ich es nicht; es müsste im zweiten Band von 1885 unter den von Hals abgeleiteten Wörtern stehen. Belegt ist es nur im «Berndeutschen Wörterbuch»: boghäls(e)le «den Nacken steif machen, sich wichtigmachen, trotzen» neben boghälsig, boghälselig «steifnackig, stolz, hochgemut, trotzig». Es fehlt in «Bödellitüütsch», im «Brienzerdeutschen Wörterbuch», im «Simmentaler Wortschatz» und in anderen regionalen Wörterbüchern. Im Hochdeutschen existiert kein vergleichbares Wort. Das Verb ist vielleicht jung und existierte nur in einem kleinen Gebiet des Mittelbernischen.

Der früheste literarische Beleg, den ich im Internet finde, betrifft nicht das Verb boghälsele, sondern das Adjektiv boghälsig. Der Emmentaler Autor Simon Gfeller braucht es im Roman  «Heimisbach» von 1910. Dort sagt Annemareili zum Lehrer: «So, du Erzschlingel, isch das der Dank derfür, dass i der ha ghulfe ’s Hüehndscheli ytue! Aber es wird jetz im Sädel sy, süsch tätisch minger boghälsige chräje.» Boghälsige meint hier «stolz». Gfeller benützt boghälsig in drei verschiedenen Texten. Auch der in Ittigen tätige Autor Hans Zulliger (1893-1965) verwendet das Adjektiv mehrmals. In seinem Tagebuch schreibt Gfeller: «Wo die Schriftsprache Unvorstellbares, Verallgemeinertes setzt, z. B. stolz, bleibt die Mundart beim vorstellbaren charakteristischen Einzelbeispiel: boghälsig.»  

Der älteste Beleg für das Verb boghälsele steht im schweizerischen Jahrbuch «Die Ernte» von 1936. Das Wort richtet sich an Pferde, die nicht so wollen wie der Fuhrmann: «He da, Ludi, was söll das sy! I will der öppe de boghälsele! U du, Fanny, was hesch z’rangge?»

Der Emmentaler Hermann Hutmacher braucht das Wort im Roman «Peter, der Einschlagbauer» von 1940 in einer Mahnung an einen Jungen, der sich in einem Handel aufspielen will: «Drum tue nid z'gly afah boghälsele. Wart afen u lueg, wie alls en Ustrag wöll näh.»

Im Buch «Göttiwyl, vo mene Dörfli u sine Lüt» von 1941 schreibt der Emmentaler Mundartautor Karl Grunder: «Lueget, wi Mühli Gödu der Gring ufhet u boghälselet! Dä hagus Grossmelk meint allwäg scho, er heig is im Sack. Aber dä söll si de öppe nid z'fascht uufla, süsch wei mer ne de zuehebinge, dass er weiss, wo-n-er si Schnöigge ha söll.» Klar ist, dass sich Mühli Gödu hier spreizt. Und den metaphorisch gebrauchten Ausdruck «süsch wei mer ne de zuehebinge» braucht man normalerweise für ein widerspenstiges Zugtier. Grunder braucht das Wort in drei verschiedenen Texten.

In der «Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde» von 1950 lese ich über Pfarrer Desgouttes, der in der Würzbrunnenkirche als Chorrichter amtierte: «Wär sech vor Chorgricht duckt het und reumüetig gsi isch, dä het chönne mit ere milde Straf rächne. Wär aber boghälselet het, dä het de gly einisch z’merken übercho, dass der Desgouttes o ne guete Landvogt abgäh hätti.» Boghälselet meint hier «getrotzt, den Kopf aufgeworfen».

Der Bolliger Ernst Balzli (1902–1959) schrieb in einer Mundartgeschichte: «Am meischte het der Röbi boghälselet. Er wöll no nid i ds Bett, het er gsürmet; er wöll warte bis der Vatti hei chöm.» Boghälselet meint hier «sich widersetzt, gewehrt».

Paul Eggenberg aus Heiligenschwendi braucht das Wort im Sinn von «trotzen, sich widersetzen» in «Dür die anderi Brülle» von 1964: «Als junge Galööri het er das öppe no gmacht, het boghälselet, bis der Chlapf isch sicher gsi.»

Alle knapp zwanzig Belege, die mir aus den Jahren 1910 bis 1999 vorliegen, deuten darauf hin, dass boghälsig bzw. boghälsele vor allem im Emmental und etwas über seine Grenzen hinaus (Bolligen, Heiligenschwendi) verwendet wurde. Mehr lässt sich über das schöne, anschauliche Wort, das vielleicht ursprünglich störrischen Pferden galt, welche den Kopf aufwarfen, und von da auf den Menschen übertragen wurde, aufgrund meiner Belege nicht sagen. Nach mündlicher Auskunft der Emmentalerin Marianne Wittenbach (2017) straffte man früher die Zügel, damit die Pferde boghälsele, d. h. die Hälse schön krümmen.

Wer weiss mehr über das Wort, wer weiss einen älteren Beleg als 1910, wer braucht es noch und mit welcher Bedeutung? Für eine Nachricht per E-Mail (s. Kontakt) wäre ich dankbar.

 

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten", Schnabelweid mit Christian Schmutz auf SRF1 am 9.11.2017
Artikel von Alexander Sury im Bund vom 31.10.2017

Interview von Andrina Wanner in der Schaffhauser az vom 12.10.2017

Interview von Daniel Arnet im Magazin des SonntagsBlicks vom 1.10.2017

1. August-Gespräch 2017 über Schweizer Dialekte mit Bodo Frick auf Radio Canal3

"Schwiizerdütsch", Talk im Tele Top am 12.6.2017

"Focus" vom 23.4.2012 auf SF        

Vom Gitarristen Christoph Greuter, mit dem ich oft unterwegs bin, ist die neue CD "Aseweg" mit neuem und altem Schweizer Folk erschienen: 



MEIN NEUES BUCH ÜBER REDENSARTEN "MIR STINKTS" (COSMOS VERLAG) IST IM BUCHHANDEL

"Mir stinkts" in den Top Ten der Bestseller Schweizer Verlage des SBVV (Woche 40-43 2017)


Auch das Buch "Härzschmärz" (Cosmos Verlag) mit Texten von Ernst Burren bis Pedro Lenz, zusammengestellt von Roland Schärer, ist im Buchhandel. Darin ist meine Geschichte "Bal musette".