Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
Eine erfreuliche Nachricht: Ich werde den Friedestrompreis 2018 erhalten.
Diese Ehrung freut mich ausserordentlich, denn ich bin dem Internationalen Mundartarchiv «Ludwig Soumagne» in Dormagen-Zons und seinen Mitarbeitern seit Jahrzehnten verbunden. Ich schätze die Arbeit, die dieses Institut im Rhein-Kreis Neuss macht, sehr und wünschte mir, es gäbe etwas Vergleichbares auch  in der deutschsprachigen Schweiz, die sich so gern als Mundartparadies darstellt, aber für die Mundart institutionell nichts macht, gar nichts.


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Wort oder Ausdruck der Woche

Boone

Die Buschbohnenernte in meinem Garten ist zu Ende. Sie war reich in diesem Jahr und zwar so, wie man sie sich von guten Buschbohnen wünscht: nicht alles auf einmal, sondern nach und nach.  Diejenigen, welche die Bauern auf dem Acker mit der Maschine ernten – verglichen mit richtigen Gartenbuschbohnen nur jämmerliche Kümmerlinge –, müssen ja alle auf einmal reif sein. Und leider schlägt dieses «alles auf einmal» bereits auf schlechte Gartenbohnen durch. Deshalb achte ich stets auf gute alte Sorgen, die wissen, was sich gehört.

In meinem Landberndeutsch sind die Buschbohnen Grüpli, weil sie grupe «kauern», im Gegensatz zu den Schtangeboone, die stehen. Meine Frau, eine St. Gallerin, sagt ihnen Höckerli; bei ihr hocken sie. Im Aargauischen nennt man sie auch Rütscherli, weil sie sozusagen den Boden entlang rutschen. So bezeichnet sie auch ein Basler Kochbuch aus dem Jahr 1893: «Rütscherlen, weisse Böhnlein.»

Wissen muss man, dass in Europa bis in die frühe Neuzeit nur die Ackerbohne bekannt war. Man liess sie auf dem Acker dürr werden, mähte sie, drosch sie aus und lagerte die dürren Bohnensamen. Deshalb konnte man jemanden, der bei einer Tätigkeit ein Ziel verfehlte, ausspötteln und sagen: Du määisch näbe d Boone. In den älteren Mundarten war das Wort Boone viel präsenter als heute. Kam jemand ungelegen, konnte man sagen: Er chunt eim wi dr Hagu i d Boone. Ein Zerstreuter oder Geistesabwesender war i de Boone. Däm wiu i d Boone stecke, meinte «dem will ich die Meinung sagen, ich will ihn zurechtweisen». Wer grosse Tränen weint, grännet Trääne wi Boone. E Boone, e Boone grooss war auch ein kleines Mass: Nimm e chli Anke, öppe win e Boone. Bereits 1554 lesen wir den Ausdruck «Saffran zweier bonen gross».

Sehr oft brauchte man den Ausdruck e ke Boone für «nichts»: Wer von einer Sache nichts versteht, verschteit vo däm e ke Boone. Jemand konnte e ke Boone wärt sein. In einer Quelle aus dem Jahr 1676 lesen wir: «Der alt Rüg und der Sohne sind nit wärt einer Bohne.» Im Wallis sagte man für «nichts» auch kei blaawi Boone: Schi heint nit fer e blaawi Boonen im Huus «sie sind blutarm». Wollte einem jemand etwas Wertloses andrehen, lehnte man ab mit der Bemerkung: I gibe dr e ke Boone derfüür. Vielleicht hängen diese Ausdrücke auch damit zusammen, dass Bauern, die auf dem Feld oder im Wald arbeiteten, als kleine Zwischenverpflegung oft eine Handvoll gekochte Bohnen in den Hosensack steckten. Wer arm war, hatte manchmal nicht mehr als das.

Von Tieren, die ihren Kot in bohnengrossen Kötteln fallen lassen, sagte man, si tüe böönele; Ziegenköttel sind Geissebööneli. In übertragener Bedeutung sagte man von jemandem, der eine unbedeutende Arbeit langsam und ohne Erfolg erledigt, er böönelet. Ein langsamer, behutsamer Mensch oder ein Knauser, der Geld nur in kleinen Münzen hervorzählte, war e Bööneler.


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March