Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

EIGETS im Cantorama Jaun mit Grenzgänge/Aux Bornes am 1.6.2019, 20 Uhr





Im September 2019 erscheint mein neues Buch «Häbet nech am Huet! E Chiflete» im Cosmos Verlag  


Zitat der Woche

Zu neuen Gedanken gelangt man selten. Der geistreiche Schriftsteller unterscheidet sich von dem geistarmen nur darin, dass er mit grösserer Empfänglichkeit begabt, schon vorhandene Ideen, deren Dasein jener gar nicht bemerkt, aufzufassen und sich anzueignen versteht; aber neue schafft er nicht.

Ludwig Börne (Juda Löw Baruch), 1786-1837



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Wort oder Ausdruck der Woche

Heregunscht und Vogelgsang

Der Solothurner Arzt Franz Josef Schild führt in seiner Sammlung von Volks- und Kinderliedern, Spottreimen, Sprichwörtern, Wetter- und Gesundheitsregeln «Der Grossätti aus dem Leberberg» von 1864 unter den «Sprichwörtern und Redensarten» als Nummer 73 auf: «Herregunst und Vogelg’sang / Isch gar schön, aber durt nid lang». Im zweiten Band des «Schweizerischen Idiotikons» von 1885 ist unter dem Stichwort «Menschengunst» ein Beleg der Redensart aus dem Zürcher Weinland aufgeführt: Mänschegouscht und Vogelg’sang das chiid’t (tönt) und wärt nid lang. Mit Herrengunst statt Menschengunst begegnen wir dieser Form bereits 1824 in «Wahrheit und Dichtung: Sammlung schweizerischer Sprüchwörter» von Melchior Kirchhofer: «Herrengunst und Vogelsang / Kidet wol und wärt nit lang.» Im siebten Band von 1914 steht unter «Vogelgsang» die Variante Herregunst und Vogelg’sang luutet wol und wärt nid lang aus Engelberg. Im «Rheinischen Wörterbuch» sind zwei Mundartvarianten der Redensart aufgeführt, nämlich Herrengunst on Vugelsang klink zwor schen, awer dauert net lang und an Herrengunst un Vugelsang erfreut der Minsch sich selde lang. Im Letzeburgischen kennt man sie auch: Häregonscht a Vullegesank, dat klenkt ganz schein, me ’t dauert net lank.   

Die reimende Redensart ist eine Maxime; sie warnt vor der Unbeständigkeit der Gunst grosser Herren und von einer Anbiederung nach oben. Ursprünglich ist sie in denjenigen gehobenen Kreisen entstanden, welche mit Herrschenden direkten Umgang pflegten und deren Macht unmittelbar zu spüren bekamen. Erst später ist sie zu einem allgemein gebräuchlichen Sprichwort geworden.

Das Wort Herrengunst ist eine Lehnübersetzung des lateinischen Rechtsbegriffs gratia principis, der vor allem auch die Zustimmung eines Grundherrn zur Vergabe eines Lehens bezeichnete. In seiner Sammlung von Rechtstexten von 1760 schreibt Johann August Hellfeld: «Herren-Gunst wird genennet, wenn einem ein Bauer-Gut verlassen (in Lehen gegeben) wird mit der Art und Manier, Dass der Verlasser solches alle Augenblick zurückziehen, und den Contract annullieren könne […]» Zur Zeit der Renaissance, als die Willkür der Herrengunst nicht mehr so fraglos hingenommen wurde, mehren sich die Schriften, die sie kritisch beurteilen und vor ihr warnen. In der «Schmiede des politischen Glücks» von 1673 bezieht sich der Autor Christian Georg Bressel bei seiner Warnung vor der gratia principis offenbar auf ein Emblem, das ein Herdfeuer zeigt mit der Inschrift Sic gratia Principis «So ist Herrengunst»:

«Dass zur rechten auff einem erhabenden Heerde brennende Feuer / mit der Unterschrift, Sic gratia Principis, ist eine wahre Abbildung der König- und Fürstlichen Gnade / dann kompt man der zu nahe und geneust man sie in dem höchsten Grad / brennet und verbrennet selbe den geniessenden / besitzt man sie mit Maasse ist sie beständiger / erwärmet und nützet den Besitzer / ist man aber gar zu weit davon entfernet / kan man deren Wärme nicht empfinden noch geniessen: Muss man sich dennoch wol fürsehen und hüten / dass man sich vom Ehrgeitze nimmer dero gestalt lasse einnehmen und verblenden /dass man dem Scepter und gar zarten Herschungs-Liechte zu nahe komme und die Flügel darüber verbrenne.»

Im Rahmen dieser zunehmend zurückhaltenden Beurteilung oder gar Kritik der Herrengunst, der ganze Werke gewidmet wurden, wie Ahasver Fritschs «De Gratia Principis Erga Ministrum Libellus» von 1664, entstand die Redensart von Herrengunst und Vogelsang, die sich Jahrhunderte hielt und noch in Dialekten des 20. Jahrhunderts vorkam. Allerdings war sie da nicht mehr gegen fürstliche Gnaden gerichtet, sondern gegen diejenigen, die in Wirtschaft und Politik das Sagen hatten und denen man unter Umständen finanziell verpflichtet war.

Wir finden die Redensart bereits im «Theatrum historicum theoretico-practicum» (1656) des evangelischen Theologen Christian Matthiae: «Herrengunst / und Lercheng’sang / Klingt wol; ab’r es währt nicht lang.» Justus Georg Schottel nimmt sie in die «Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache» von 1663 auf: «Herren Gunst und Lerchengsang / Klinget wol und wehrt nicht lang». Sie steht in Schottels Text einige Zeilen nach einer ersten Maxime zum selben Thema: «Auf Herren Gunst nicht bau / Noch gutem Wetter trau / Das Wetter nicht besteht / Der Herren Gunst vergeht.» Noch einige Jahre früher finden wir sie in etwas anderer Form in Friedrich von Logaus «Deutschen Sinn-Getichten» von 1654: «Herren-Gunst und Vogel / sind noch wol zu fangen: / Herren-Gunst und Vogel / sind geschwind entgangen.» Anstelle der Lerche kommt auch mal die Nachtigall vor, z. B. im «Gelehrten Teutschen Redner-Schatz» von 1720: «Herren Gunst und Nachtigall-Gesang währt nicht allzu lang.» Vereinzelt ersetzt Lautenklang den Vogelsang, so in «Sprichwörter und Spruchreden der Deutschen» (1840) von Gotthard Oswald Marbach: «Herrengunst und Lautenklang klinget wohl, aber währt nicht lang.»

Warnungen vor der Unbeständigkeit der Gunst der Mächtigen lasen die Gelehrten der Renaissance jedoch bereits in Schriften der Antike. So belehrt Eberhard Werner Appel in seinen «Grössesten Denkwürdigkeiten der Welt» von 1691 seine Leser:

«Nichts saget der weise Heyde Aristoteles / ist unvollkommener / und verenderlicher als der Fürsten und Herren Gunst: Und Laertius […] saget / dass man einem lachenden Herrn / und heiteren Himmel nicht allzu viel trauen müsse; In Ansehung / dass die Herren-Gunst nicht erblich / und die Lufft des Himmels allzu leichte sich verändern könne / nach dem bekandten Sprichworte: Herren Gunst und Aprillen Wetter / zerstäuben offt wie Rosen-Blätter.»

Auch diese Aprilwetter-Variante der Redensart war sehr verbreitet. Wir begegnen ihr bereits 1581 in Johannes Knöfels «Neuen teutschen Liedlein», denn ein Lied heisst: «Von unbestendigkeit der menschen: Herren gunst, Aprilen wetter». Wenig später, im Jahr 1611, schreibt Simon Gedik in der «Genesis»: «Daher das Sprichwort entstanden: Herrengunst und Rosenbletter / Verendern sich wie Aprillwetter», und 1618 lesen wir in einer Predigt-Sammlung: «Herrengunst ist ungewiss / wie Aprilwetter / und wird leicht verendert.» Die sich nur auf das Aprilwetter beschränkende Form, die man oft unter den Wetterregeln findet, kommt auch in den skandinavischen Sprachen vor. Ein Beispiel aus einem schwedisch-deutschen Wörterbuch von 1749 lautet: Herregunst och april wåder står icke långe «Herren-Gunst und April-Wetter dauret nicht lange». Vereinzelt paart sich Herrengunst mit Aprillicht, so in «Silesia» (1848) von Adolph Trassler: «Herrengunst und Aprilenlicht / Sind gar schön, doch dauern nicht.»

In Johannes Lassenius’ «Sinnlichem Zeit-Vertreiber» von 1681 lautet die Überschrift des 15. Kapitels «Herrengunst / Aprillen-Wetter», diejenige des 16. Kapitels «Jungfer-Liebe / Rosenblätter». Aus diesen vier Begriffen, zu denen noch Würfelspiel und Kartenspiel hinzukamen, hat sich eine erweiterte Variante der Redensart entwickelt, welche in unseren Mundarten vorkommt und im «Schweizerischen Idiotikon» belegt ist: Heregunscht und Aprillewätter, Frauelieb und Rooseblätter, Würfelspil und Chartespil ändere vil, wer’s glaube will. In verwandter Form finden wir die Redensart auch in Carl Hesslers «Hessischer Landes- und Volkskunde» von 1904: «Herrengunst und Aprilwetter, / Frauenlieb’ und Rosenblätter, / Würfel und Kartenspiel / Ändern öfter, als man will.»

Zwei Hauptformen der Redensarten sind also erkennbar; die eine vergleicht die Herrengunst mit Vogelsang, die andere mit Aprilwetter. Beide halten sich in verschiedenen Formulierungen bis ins 20. Jahrhundert. Eine dritte, die nur im Schwäbischen vorkommt und die Herrengunst mit Nelkenwein paart, geht wohl auf den «Lugenschmid» des Schriftstellers Rupert Gansler aus dem Jahr 1697 zurück, wo die Bemerkung steht, «wann Herren-Gunst mit dem Negele-Wein ist ausgerochen – denn Herrengunst vergeht so schnell wie der Duft des Nelkenweins». Der Augustiner-Eremit Ignaz Ertl formuliert daraus in seiner Predigtsammlung von 1715 eine Redensart: «Herren-Gunst und Negele-Wein / riechen über Nacht aus.» Diese Redensart wurde 1795 vom Ulmer Professor und Prediger Johann Christoph Schmidt in den «Versuch eines schwäbischen Idiotikon» aufgenommen: Grosser Herren Gunst und Nägelwein riecht über Nacht aus und gelangte dadurch ins «Schwäbische Wörterbuch», was ihre Verbreitung förderte. Karl Josef Simrock nahm sie 1846 in der Form grosser Herren Huld und Nelkenwein verriecht über Nacht in die «Deutschen Volksbücher» auf.

Die heute leider ganz verklungenen Redensarten von der Herrengunst, sind ein gutes Beispiel für den redensartlichen Ausdrucksreichtum, der sich um ein zentrales Thema, hier um das Thema der willkürlichen Herrengunst entwickelt hat. Redensarten verbreiten sich oft in einem kreativen Prozess, der eine grosse Vielfalt von Formen hervorbringt.

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March