Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
 


Mein neues Buch «Häbet nech am Huet! E Chiflete» (Cosmos Verlag) ist im Buchhandel
Nächste Veranstaltung:

Kaleidoskop Riehen, mit Markus Gasser, am 21. Januar 2020 


Zitat der Woche

In seltsamer Verkennung der geschichtlichen Sprachentwicklung hielten noch die Gebildeten des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts die Mundart für ein verdorbenes Schriftdeutsch und spotteten insbesondere der Schweizer, als eines im Bauernwerk und im Umgang mit dem Vieh sprachlich tief gesunkenen Volks, sogar noch Joh. Von Müller, der «schweizerische Herodot», nennt unser Heimatidiom ein «abscheuliches Patois», das man so bald als möglich aus der Schule hinauswerfen müsse.

Jakob Christoph Heer: Die zürcherische Dialektdichtung. Ein Literaturbild, 1889



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Wort oder Ausdruck der Woche

klipp und klar

Die Redensart klipp und klar «unmissverständlich, klar und deutlich» scheint in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche entlehnt worden zu sein. Frühe niederdeutsche Belege finden wir einmal im «Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs» von 1767 unter dem Stichwort klapp mit der Bedeutung «rasch, fertig mit dem Munde»: klapp un klaar «ganz fertig». Dazu die Bemerkung:

«Und so käme damit überein das englische clap, welches nicht nur schlagen bedeutet, sondern auch, eine Sache fertig zu Ende bringen. Sonst kann man diese Redensart auch bequem vom Handschlage beym Kaufe erklären; da sie vornehmlich von einem geschlossenen Contract, Kauf und Eheverlöbniss gebrauchet wird. Daher ist Klapp-snute, ein Klappermaul, ein Maulfechter, der seine Antwort schuldig bleibt.»

Den frühesten Beleg mit dem uns bekannteren klipp finde ich in Johann Carl Dähnerts «Platt-Deutschem Wörterbuch» von 1781: dat is klipp un klaar «das ist ganz fertig» unter dem Stichwort klipp mit der Bedeutung «rasch, hurtig, flink mit dem Munde, fertig. Een klipp Mädken. Die sich bei allem hurtig zu nehmen weiss». Und schliesslich dichtet Diederich Georg Babst in seinen «Uhterlesene Pladdütsche Gedichte» von 1812: «Ehn trü Bedeenter möht nich leegen, / Un sienen Herrn ook nich bedreegen, / He seed em alles klipp un klar – ein treuer Bedienter wird nicht lügen, und seinen Herrn auch nicht betrügen, er sagt ihm alles klipp und klar». Hier meint klipp un klar «ganz, bis ins letzte Detail».

Die beiden Wörterbücher geben also der niederdeutschen Redensart klapp un klaar bzw. klipp un klaar die Bedeutung «ganz fertig». Sie hat, was auch in anderen Belegen deutlich wird, vorab mit Abmachungen zu tun. Das Adjektiv klipp bezieht sich offenbar vor allem auf das Mundwerk und meint «schlagfertig».

Die frühesten hochdeutschen Belege, die ich gefunden habe, sind aus den 1840er-Jahren. Im «Neuen Pitaval» von 1844, einer Sammlung von Kriminalgeschichten, geht es um eine Abmachung, bei der gesagt wird: «Seid nur auf eurer Hut und Ihr sollt dann Alle klipp und klar sein.», d. h. «fertig mit der Sache, ganz aus der Sache sein». Und im «Ansbacher Tagblatt für Stadt und Land», ebenfalls von 1844, lesen wir von einer Verliebten, die blind vor Liebe ist: «Mit Bertha war Alles, was man zu sagen pflegt, klipp und klar, sie sass fest, wie das Vöglein an der Leimrute.» Hier hat klipp und klar eher die Bedeutung «völlig klar, ganz offensichtlich».

Wir stellen fest. Unsere Redensart klipp und klar stammt aus dem Niederdeutschen und ist bis in unsere Mundarten eingedrungen: i ha drsch klipp u klaar gseit. Sie hatte ursprünglich eine andere Bedeutung als diejenige, mit der wir sie heute gebrauchen. Am 15. Dezember 2019 betitelte «suedostschweiz.ch» eine Umfrage mit: «Brauchts Tiere im Zirkus? Eure Meinung ist klipp und klar», also «unmissverständlich, klar und deutlich». Auf «seniorweb.ch» lese ich am 26. Dezember 2019: «Meine Agentin sagte mir klipp und klar», auch hier mit der Bedeutung «unmissverständlich, klar und deutlich».

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier

Wenn Unübliches geschieht, soll es auch gezeigt werden:

Albert Bächtolds Mundartroman "Pjotr Iwanowitsch" ist 2018 auf Russisch erschienen.






Artikel, Tondokumente und Videos

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March