Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

NEIN ZU "NO BILLAG"

Wenn Sie NICHT wollen, dass

- wir in der Schweiz keine öffentlich-rechtlichen elektronischen Medien mehr haben,

- der öffentlich-rechtliche Medienverbund der Sprachregionen zerschlagen und zum Spielball privater Interessen wird,

- die Klein- und Grosskunst im Bereich der elektronischen Medien den wichtigsten Ansprechpartner, Unterstützer, Förderer und kritischen Begleiter verliert,

- öffentlich-rechtliche Informations- und Kultursendungen in Radio und Fernsehen wie "Echo der Zeit", "Tagesschau", "Schnabelweid", "Hörspiel", "Kontext", "Diskothek", "Jazz Collection", "Kassensturz", "DOC", "Netz Natur" und viele andere für immer verschwinden,

- die Schweiz ihre elektronische Medienselbständigkeit verliert,

- vor allem in den Randregionen Dutzende von privaten Medienanbietern eingehen,

dann sagen Sie NEIN zu "No Billag".

"No Billag" ist eine von einer rechtsnationalen Machtelite gegen eine Schweiz mit einer starken eigenen, vielfältigen, kritischen Kultur gerichtete Initiative. Sie will die SRG zerstören und dann die Filetstücke für sich heraustrennen. Hauptnutzniesser dieses Filetierens wäre Tamedia-Goldbach; die könnten dann an RTL und andere weiterverschachern.

Öffentlich-rechtliche elektronische Medien für UNS, nicht für MICH, für ZUSAMMENHALT, nicht für EGOISMUS, stehen einer Willensnation wohl an.

Mein grosser «No Billag»-Kummer

Wenn die «No Billag»-Initiative im März angenommen wird, hat die Schweiz kein öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen mehr. Die Beschwichtigungen der Abschaffer, das Wichtige werde schon nicht verschwinden, sind reine Lüge. Bei Annahme der Initiative werden wir kein Rendez-vous am Mittag, kein Echo der Zeit, keine Schnabelweid, keinen Kontext, keine kommentierten Klassik- und Jazz-Sendungen mehr haben, nichts mehr. Die SRG muss dann liquidiert werden, Tausende werden ohne Arbeit auf der Strasse stehen.

Dass mündige Stimmbürger und Stimmbürgerinnen eines europäischen Landes ihr öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen selbst abschaffen wollen, ist für mich eine Ungeheuerlichkeit. Für mein Schweizersein spielt vor allem das öffentlich-rechtliche Radio eine grosse Rolle, weil ich fast jeden Tag den Kontext und das Echo der Zeit höre, meistens auch Rendez-vous am Mittag. Weil ich viele Schnabelweid-, Klassik-, Jazz- und andere Kultursendungen höre. Und weil ich weiss, dass meine Mitschweizer und Mitschweizerinnen in der Romandie, im Tessin und im Bündnerland ihre unabhängigen Sendungen in ihrer Sprache hören können; dafür bezahle ich gerne meinen Teil. Ich fühle mich als Schweizer, weil ich mich öffentlich-rechtlich informieren und bilden kann und nicht gezwungen bin, das zu konsumieren, was mir reiche Unternehmer aus der Schweiz und anderswo zu konsumieren erlauben. Ich bin kein Untertan!

Ich habe bis jetzt vor allem vom Radio geschrieben, weil das öffentlich-rechtliche Schweizer Radio mein elektronisches Leitmedium ist. Weil ich am öffentlich-rechtlichen Radio unabhängig und kompetent informiert werde über die Schweiz und die Welt. Ich will als mündiger Bürger diese Information und nicht geistiges Untertanenfutter. Fernsehen konsumiere ich weniger, weil die Qualität der Fernsehinformation und -bildung weit hinter derjenigen der Radioinformation und -bildung zurückliegt. Unterhaltung ist weniger mein Ding. Aber ich bin bereit, dafür zu bezahlen, wenn viele Schweizer Sport, Castingshows, Helene Fischer und Florian Silbereisen an ihrem öffentlich-rechtlichen Fernsehen sehen wollen. Ich weiss, dass dieses Fernsehen für alle sein sollte und nicht nur für mich.

Ich bin überzeugt, dass wir uns als mündige Stimmbürger und Stimmbürgerinnen darüber einigen müssen, was wir vom öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen wollen. Ich bin aber auch überzeugt, dass nur Untertanen und die SVP, die unschweizerischste Partei, die es je gegeben hat, für die Liquidation ihres öffentlich-rechtlichen Mediums stimmen. Die Schweiz, die in den elektronischen Medien nur noch jene Information und jene Kultur vorgesetzt bekommt, welche von reichen, egoistischen Machtprotzen vorbestimmt und vorgekaut wird, wird nicht mehr meine Schweiz sein. Ich frage mich dann, ob es kulturell überhaupt noch so etwas wie eine Schweiz gibt.    




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Wort oder Ausdruck der Woche

Chnupesaager

Frau Krummenacher, eine Entlebucherin, fragt mich, was ein Chnupesaager ist und woher das Wort kommt. Leider ist es nicht im «Idiotikon», aber im «Berndeutschen Wörterbuch». Ein Chnupesaager, heisst es dort, sei ein Langweiler, der endlos am gleichen herumnörgle und nie an ein Ende komme. Also etwa dasselbe wie ein Chniepi, der endlos an etwas desumechniepet. Laut dem «Simmentaler Wortschatz» ist der Chnupesaager, laut dem «Bödellitüütsch»-Wörterbuch der Chnuupesaager ebenfalls ein Langweiler. Das «Obwaldner Mundartwörterbuch» behauptet hingegen, der Chnuipesääger sei 1. ein Geizhals und 2. ein Zauderer. Ein Knauser oder Geizkragen ist der Chnuppesaager auch für das «Baselbieter Wörterbuch». Wir sehen, das Wort kommt nicht nur im Berndeutschen vor, und bedeutet je nach Region «Langweiler, Zauderer» oder «Geizhals» oder beides.

Das Wort ist zusammengesetzt und ein bildlicher Ausdruck. Der zweite Wortteil -saager bzw. -sääger meint «einer, der sägt». Der erste Wortteil Chnupe bezeichnet einen Auswuchs oder eine rundliche Erhöhung; es ist verwandt mit dem hochdeutschen Wort Knauf. Im Wort Chnupesaager ist mit Chnupe ein Auswuchs an einem Baum oder an einem Stück Holz gemeint. Wer je mit einer Handsäge Holz gesägt hat, weiss, dass Chnupe sehr mühsam durchzusägen sind, weil das ausgewachsene Holz sehr hart ist. Chnupesaager kann einen Langweiler oder einen Zauderer bezeichnen, weil der endlos an etwas herummacht, herumplant oder herumstudiert. So wie der Chnupesaager, der angestrengt und lange an einem Chnupe herumsägt. Es kann aber auch einen Geizhals bezeichnen, weil der ohne Ende herumdruckst, bis er einen Batzen hervorklaubt.

In der Literatur begegnet man dem Chnupesaager zum Beispiel beim Solothurner Beat Jäggi, der in einer Geschichte aus dem Jahr 1963 schreibt: «Wenn üsen Ätti nit sone hinderhebige Chnuppesager und Gytzgnäpper gsi wär.» In einer Anekdote des Sigriswilers Adolf Schaer aus dem Jahr 1940 sagt einer: «Dir sit mir e schöne Chnuppesaager, dir!»      


"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March