Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".


Zitat der Woche

«Die sozialen Netzwerke sind pure Personalisierungsmaschinen. Personalisierungsmaschinen sind Systeme, mittels derer sich Selbstinszenierungen fabrizieren und vermarkten lassen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass wir uns mittels unserer Twitter- oder Instagram-Accounts selber vermarkten, sondern vielmehr darum, dass andere unsere Selbstbilder verkaufen und davon ökonomisch profitieren.»

Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens (2018)




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Wort oder Ausdruck der Woche

hantli

Wenn ich als Kind von meiner Mutter gerufen wurde: So chum itz, aber hantli, wusste ich, dass es ernst galt. Klang es so, hatte sie mir vorher schon einige Male gerufen, ohne dass ich dem Ruf Folge geleistet hatte, und ich hörte nicht nur an den Worten, sondern auch am Ton, dass ihre Geduld schwand.

Das Wort hantli meint in diesem Kontext «rasch, schnell, sofort». Im Berndeutschen wurde hantli früher oft in diesem Sinn gebraucht; heute hört man es immer seltener; man sagt wohl eher schnäu oder sofort. So brauchte man das Wort in vielen Dialekten. Wir finden es im «Zürichdeutschen Wörterbuch»: hantli «schnell behende: Mer sind hantli fertig», im «Innerrhoder Dialekt»: hantli «sofort, schnell», in «Wallissertitschi Weerter»: hantli, hantlich «schnell: chumm hantli» und im «Obwaldner Mundart-Wörterbuch»: hantli «schnell». In der Mundartkolumne der «Südostschweiz» vom 7. Dezember 2014 lese ich: «Und etz mach fürschi, aber hantli, sust chämmer wider z spaat und mönd dä i irgend ime Winggel hogge, wo mä nu d Helfti gsiht und fascht nüüt ghört.»

Hantli ist die Mundartform des hochdeutschen Wortes handlich und ist deshalb abgeleitet vom Wort Hand. Laut dem Duden-Buch «Die deutsche Sprache» von 2014 ist handlich nur noch mit der Bedeutung «sich leicht, bequem handhaben lassend» im ganzen deutschen Sprachraum verbreitet. Mit der Bedeutung «behände» ist es als Helvetismus aufgeführt.

In der frühen Neuzeit war das Wort vieldeutig; ursprünglich meinte es «mit den Händen (tätig sein)». So finden wir es in einer Predigtsammlung aus dem Jahr 1508, in der es von einem Mönchsorden heisst, seine Mitglieder müssten neben der geistigen Arbeit «zuo zeiten hantliche arbait tuon» oder «hantliche werck». Aus dieser Grundbedeutung entwickelte sich die Bedeutung «geschickt, tüchtig, fleissig», denn wer eine Arbeit mit geschickten Händen angreift, kommt gut voran. In einem Buch von 1522 ist die Rede von einer Angelegenheit, die sich auf einfache Art erledigen liesse, wenn man sie «trülich und hantlich», also «sorgfältig und geschickt bzw. fleissig» anginge. Ein anderer spricht von einem «hantlich, tapffer, namhafft Volk».

Von der Bedeutung «fleissig» war es nur ein kleiner Schritt zur Bedeutung «rasch, schnell, behände», denn wer eine Arbeit fleissig verrichtet, kommt gut voran, erledigt sie rasch. In einer Quelle aus dem 16. Jahrhundert ist von einem Brand die Rede, den man «hantlich gelöscht» und so ein grösseres Unglück verhindert hat. Hier kann handlich sowohl mit «fleissig» als auch mit «rasch» übersetzt werden. In einer Erzählung von Marie Walden, der Tochter von Jeremias Gotthelf, klagt ein Kranker: «So-nes arms Mannli wie ich, wo zwüsche Läbe u Stärbe hanget, hed grad Furcht.» Worauf ihm geantwortet wird: «Öppe hantli geit’s d’r nit, vom Stärbe g’seht me d’r neue nit vil a.»

Handlich hatte in der älteren Sprache noch viel mehr Bedeutungen, z. B. «angenehm im Umgang (von Menschen und Tieren)», si isch e Hantlegi oder d Mäden isch es hantligs Ross; «kräftig, derb, grob (vor allem von Personen)», la di mit dere nit ii, das isch d’r ne handlichi; «mürrisch, unwirsch», «Die Mutter wurde, wenn sie zu Hause war, seit ihren Besuchen immer handlicher und unzufriedener. Sie balgete über alles, sogar darüber, dass sie mit uns und den Kindern in der gleichen Stube schlafen müsste», schreibt Gotthelf in «Leiden und Freuden eines Schulmeisters».

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March