Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
Eine erfreuliche Nachricht: Ich werde den Friedestrompreis 2018 erhalten.
Diese Ehrung freut mich ausserordentlich, denn ich bin dem Internationalen Mundartarchiv «Ludwig Soumagne» in Dormagen-Zons und seinen Mitarbeitern seit Jahrzehnten verbunden. Ich schätze die Arbeit, die dieses Institut im Rhein-Kreis Neuss macht, sehr und wünschte mir, es gäbe etwas Vergleichbares auch  in der deutschsprachigen Schweiz, die sich so gern als Mundartparadies darstellt, aber für die Mundart institutionell nichts macht, gar nichts.



Zitat der Woche

Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, dass die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien.
So bleiben sie bei den Naturgesetzen als bei etwas Unantastbarem stehen, wie die Älteren bei Gott und dem Schicksal.
Und sie haben ja beide Recht, und Unrecht. Die Alten sind allerdings insofern klarer, als sie einen klaren Abschluss anerkennen, während es bei den neuen Systemen scheinen soll, als sei alles erklärt.

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus




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Wort oder Ausdruck der Woche

Wi dr löötig Tüüfu

Wenn ein Tier oder ein Mensch in meiner Jugendzeit in den 1950er Jahren tobte und nicht zu bändigen war, sagte man im Berndeutschen, das ich spreche: dää oder daas tuet wi dr löötig Tüüfu oder wi dr luter löötig Tüüfu. Si isch bleich wi dr löötig Tood, sagte man von einer totenbleichen Frau, eine Trauernde weinte ds purluter löötige Wasser, und einen Dummkopf nannte man e löötigen Esu. Man sagte auch, d Härdöpfu cha me doch nid löötig ässe, da bruuchts Sauz u Anke derzue. Oder: Si het im nüüt möge gönne, dr luter löötig Verbouscht het se tribe. Die Sankt Galler sagen hingegen: tue wien e löötigi Zeine oder tue wie de baar Tüüfel. Der Solothurner Albin Fringeli schreibt 1961: «S luterlötig Wasser isch em d Bagge abegluffe.» Im «Schaffhauser Mundartwörterbuch» lese ich: Dän rännt si, we wän s löötig Füür hindere häär wäär. Eine Prättigauer Geschichte von 1884 erzählt von etwas, das «di baar löötig Hüchely» ist.

Woher kommt das Wort löötig im Sinn von «völlig, rein», das man, je nach Dialekt, zu luter löötig oder baar löötig verstärken und für sehr vieles brauchen konnte?

Lötig ist eine Ableitung von der Gewichtseinheit Lot und meinte, auf Edelmetalle bezogen, ursprünglich «dem vereinbarten oder vorgeschriebenen Edelmetallgehalt entsprechend, vollwichtig». Im Urkundenbuch von Freiburg im Breisgau lautet ein Eintrag von 1282: «siben hundert marke lötiges silbers friburger geweges», wobei friburger geweges «Freiburger Gewicht» heisst. Man brauchte ja bis ins 19. Jahrhundert noch nicht überall die gleichen Masse und Gewichte, deshalb wurde mit Ausdrücken wie Freiburger, Steyrer, Basler, Diessenhofer Gewäge ausgedrückt, dass mit den am Ort gebräuchlichen und geeichten Gewichten gewogen wurde.

Aber bereits ab dem 16. Jahrhundert wurde das Wort lötig im übertragenen Sinn gebraucht mit der Bedeutung «rein, lauter, völlig». So schreibt Johannes Mathesius in seiner «Bergpostilla» von 1578 von der richtigen Lehre in der Kirche, sie sei «lauter lötig und fein gold / und ein selige nütze lere / die nicht vergebens abgehet». Johann Cambilhorn ereifert sich 1619 über «lauter lötig Jesuiterbuben / das seynd Bürbelskinder / hat einer deren viel im Land / so seynds ärger als 10 Legion Teuffel». Heute stirbt das früher sehr häufig gebrauchte Wort auch in den Dialekten aus. Man hört und liest es kaum mehr.


Artikel, Tondokumente und Videos

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Gespräch mit Bodo Frick am 1. August 2017 auf Radio Canal 3

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March