Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Die Würde

«Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen», lautet der Artikel 7 der «Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft». Der erste Satz des Artikels 1 des «Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland» lautet sogar: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Weshalb wird in Verfassung und Grundgesetz der Begriff der Würde nur in Bezug auf den Menschen derart hoch bewertet? Wir sprechen nicht oft von der Würde des Tieres. Doch die Würde der Kreatur steht seit 1992 in der Bundesverfassung:

«Wir missachten die Würde eines Tieres, wenn wir seine allfällige Beeinträchtigung nicht zum Gegenstand einer Güterabwägung machen, ihr also nicht Rechnung tragen, sondern selbstverständlich von einem Vorrang der Interessen des Menschen ausgehen.»

Reicht das? Wie ist es um die Würde der Schweine und Hühner bestellt? Denken wir über die Würde der Insekten nach, wenn wir Pflanzenschutzmittel versprühen? Haben Pflanzen Würde, ein Salat, ein Unkraut oder ein alter Baum? Haben wir schon je nach der Würde unserer Bäche, Flüsse, Seen und Meere gefragt, nach der Würde des Waldes, nach der Würde unseres Luftraums oder gar nach der Würde unseres Planeten?

Können wir in Bezug auf Kontinente, Länder, Bergtäler, Siedlungen und Stadtquartiere von Würde sprechen? In Bezug auf Dinge: Geschirrwaschmaschinen, Schuhe und Bohrmaschinen?

Würde es unser Handeln positiv beeinflussen, wenn wir immer zuerst die Frage der Würde stellten? Wenn ja, wie wäre sie zu stellen?