Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Die Würde 2

Das Wort Würde, älter Wirde, hat vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit drei Bedeutungen. Zum einen ist die Würde «der Wert» von etwas. Luther schreibt in seiner Bibel-Auslegung von 1553 von der «wirde der wahr», d. h. vom «Wert der Ware». Dann meint Würde «Ansehen, Ehre». Konrad von Würzburg schreibt im «Silvester» vom Ende des 13. Jahrhunderts: «sus war er zuo der wirde komen, diu sîme namen schône stuont – so war er zum Ansehen gekommen, das seinen Namen schmückte». In einem Buch von 1709 lesen wir von «Ihro Kaiserlichen Majestät Person / Ehr / Würde und Stand». Hierher gehören auch Bezeichnungen wie Hochwürden und Würdenträger. Und drittens meint Würde «Ehrerbietung, Verehrung». Im «Jüngeren Titurel» aus der Zeit um 1200 ist von einem Tempel die Rede, in den man «durch wirde gienge, der maget wert ze lobe – zur Verehrung gehen würde, der werten Heiligen Jungfrau zum Lob». Von Würde im Sinne der zweiten und dritten Bedeutung wurde nur in Zusammenhang mit Menschen geschrieben.

Noch heute erläutert das Duden-Buch «Die deutsche Sprache» von 2014 Würde nur auf den Menschen bezogen: «Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung».

Der Ethikprofessor Peter Schaber von der Universität Zürich schreibt jedoch in seinem Papier «Was heisst Würde der Kreatur?» von der Menschenwürde und der Würde der Kreatur. Bei der Menschenwürde unterscheidet er zwischen inhärenter und kontingenter Würde und behauptet: «Inhärente Würde kommt nur Menschen zu.» Stimmt das? Wenn ja, warum?

Unter «Würde der Kreatur» schreibt er:

«Dass Kreaturen Würde zukommt, heisst, dass sie einen inhärenten Wert (einen Eigenwert) besitzen. Und dies bedeutet, dass wir uns ihnen gegenüber um ihretwillen moralisch verhalten sollten.»

Und:

«Lebewesen haben einen inhärenten Wert, weil sie ein eigenes Gut besitzen, individuelle Ziele verfolgen und organische Einheiten darstellen.»

Wenn Lebewesen, also auch Tiere, einen inhärenten Wert haben, weshalb kommt ihnen keine inhärente Würde zu?