Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Brief an das BAG vom 12. Januar 2022

Sehr geehrter Herr Bundesrat Berset, sehr geehrte Damen und Herren,

als die Pandemie uns traf vor knapp zwei Jahren, war ich froh, dass unsere Regierung und unsere Gesundheitsbehörden sehr entschlossen auftraten und mit klaren Ansagen und klaren Regeln die Führung übernahmen. Ich erinnere mich gern an die Medienauftritte mit zwei bis drei Bundesrät:innen und mehreren Sachbearbeiter:innen, welche mit ihren klaren Aussagen und Ansagen, was zu tun sei, Sicherheit vermittelten.

Seit Weihnachten frage ich mich, was geschehen ist. Während sich die Krise ankündigte, auf die wir jetzt zusteuern, ging der Bundesrat in die Ferien und liess ab und zu noch einen Twitter flattern. An den Medienauftritten ist kaum noch ein Bundesrat oder eine Bundesrätin dabei. Wir schlittern führungslos von der Pandemie in die Endemie und es bleibt völlig uns überlassen, was wir tun sollen und was nicht. Während die Behörden in unseren Nachbarländern Führungsstärke zeigen, muss ich feststellen, dass wir in der Schweiz mit unserem Laissez-faire-System offenbar nicht in der Lage sind, eine Pandemie zu bewältigen.

Ich fühle mich vollkommen alleingelassen. In den Medienverlautbarungen wird uns nur noch gesagt, wie lange und oder wie kurz man die Quarantäne zu halten gedenke, wie viele Ansteckungen pro Woche zu erwarten sind und wie man die Lage in den Spitälern einschätzt.

Dass keine klaren Verhaltensregeln mehr kommuniziert werden, hat für mich und viele andere konkrete Folgen. Mich betrifft das konkret, wenn ich engagiert werde, um vor Senior:innen als Erzähler aufzutreten. Viele Veranstalter wollen nicht verstehen, dass es bei der jetzigen Zahl der Ansteckungen nicht opportun ist, alte Menschen in geschlossenen Räumen zusammenzurufen, auch mit 2G nicht. Viele von ihnen sind nicht geboostet und der Booster hilft ja auch nur partiell. Viele erzählen die Mär vom «milden Verlauf». «Milder Verlauf» heisst ja in der Spitalsprache nur, dass ein Patient nicht intubiert werden muss, aber dass eine schwere Erkrankung mit möglichen Long-Covid-Folgen durchaus möglich ist. Warum sagt uns das niemand klar und deutlich, so dass es alle verstehen? Warum sagt niemand klar und deutlich, dass es jetzt nicht mehr angeht alte Menschen in geschlossenen Räumen zu unterhalten? Warum wälzt man alle Entscheidungen auf uns Laien ab, wo wir auf eine klare Führung angewiesen wären?

Heisst Durchseuchen jetzt einfach nichts mehr sagen und alle mit ihren kleinen und grossen Problemen allein lassen? Meine Frau und ich sind beide über siebzig Jahre alt. Was machen wir, wenn wir beide gleichzeitig so krank werden, dass wir uns nicht mehr selbst versorgen können, wenn gleichzeitig unsere Ärztin krank ist und das Spital voll? Ich weiss schon, dass nicht jemand aus dem BAG kommen und uns helfen kann. Aber Sie könnten so viel Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen zeigen, dass Sie die Menschen informieren, was wirklich auf sie zukommen kann und was in welchem Notfall zu tun ist.

Ich bitte Sie höflich und inständig, Ihre Führungsaufgabe wahrzunehmen und zu den Menschen zu sprechen, nicht nur zur Wirtschaft. Ich bin ein kritischer Schweizer, der sein politisches System aber auch schätzt. In den letzten Wochen hat mein Zutrauen sehr stark gelitten. Kann die Schweiz überhaupt eine Pandemie bewältigen? Zeigen Sie, dass sie das kann, führen Sie!

Mit freundlichen Grüssen

Christian Schmid


Mein neues Buch ist im Buchhandel

für Lesungen und Gespräche stehe ich gern zur Verfügung

Dazu Matthias Knecht im "Bieler Tagblatt vom 21.5.2021: "Äs uhenneguets Buech"; Alexander Sury im "Bund" vom 25.5.2021: "Bereits Gotthelf fluchte über den 'Schysshung'"; Hansruedi Kugler in den Zeitungen der CHMedien sowie in den "Schaffhauser Nachrichten" und im "Walliser Boten" vom 5.6.2021: "Wo Sauhund und dumme Kuh herkommen".  "100 Franken Busse für eine blöde Kuh" von Daniel Arnet im Magazin des Sonntagsblicks vom 27.6.2021

"Souhund" und "dummi Chue" - Gespräch mit Simon Berginz auf Radio Zürisee 

Seine beiden Bestseller «Blas mer i d Schue» und «Mir stinkts» sind längst zu Longsellern geworden. Jetzt taucht Christian Schmid erneut tief in den Wörtersee. Um unsere Tiere in der Sprache geht es dieses Mal. Bunter Hund. Hornochs. Alpenkalb. Ich glaub, mich tritt ein Pferd. Da mues ja nes Ross lache. Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Es Gsicht mache wi ne Chatz, wes donneret.

Christian Schmid beschäftigt sich in diesem Buch mit Wörtern und Redensarten, erzählt, wie und seit wann man sie in übertragener Bedeutung braucht und woher sie kommen. Zum Beispiel die Redensart «Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber». Die stammt, wie Christian Schmid belegt, ursprünglich nicht von Bertolt Brecht (wie oft behauptet wird), sondern von Christian Wiedmer, im Jahr 1850 Redaktor des «Emmenthaler Wochenblatts». Weshalb der Mann für diesen Satz vier Tage ins Gefängnis musste, steht auch in diesem Buch.

Cosmos Verlag ca. 336 Seiten, gebunden ca. Fr. 38.– ISBN 978-3-305-00500-0  (in hochdeutscher Sprache)



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Wort oder Ausdruck der Woche

schüüli

Wörter mit interessanter Geschichte fliegen mir manchmal auf kuriose Weise zu. Nachdem André Perler von SRF mit einem Video über «Wörter, die aussterben» die nächste Mundartsendung angekündigt hatte, legte mir meine Frau Praxedis Kaspar einen Zettel mit dem Wort schüüli auf den Schreibtisch. Vor kurzem schickte mir Eva Gysel aus Wilchingen «Vo s Chäler Heiris», ein Büchlein der Mundartautorin Amalie Halter-Zollinger (1892–1985) aus Humbrächtike. Die beliebte Mundarterzählerin, die auf ihre Mundart achtete wie auf einen Schatz, wuchs als Tochter eines Uhrmachers auf und verbrachte ihr ganzes Leben in ihrem Elternhaus in Hombrechtikon, wo sie während vielen Jahren ein Geschäft für Lebensmittel und Gebrauchsartikel führte.

Als ich die erste Seite von «Vo s Chäler Heiris» überflog, fiel mir gleich der Ausdruck schüüli froo auf. Heute hört man zürich- und ostschweizerdeutsches schüüli und verwandtes berndeutsches schüzli im Sinn von «sehr» kaum mehr. Das rührt unter anderem auch daher, dass gerade Verstärkungswörter rasch veralten; es sind richtige Modewörter. Was einmal schüüli, schuurig, unerchant, fescht, schuderhaft, schampaar, cheibe, choge, eländ, miliöönisch war, ist heute seer, (u)henne, irr, krass, mega, totaal, voll.

Im «Homer Bärndütsch Ilias» von 1981 dichtet Walter Gfeller: «Aber Achilleus / Chunt ufbrachte cho z renne u möcht ne no schüzli gärn töde». Und in der «Schweizerischen Lehrerinnenzeitung» von 1932/33 heisst es in einem Kindergedicht: «De Maxli ist so schüli ful / Und chont gar nid vom Fleck». Wenn also ein Mundartautor aus dem Zürcher Oberland im Jahr 2020 in einem Buch mit Mundartgeschichten schreibt «di Alti isch an Tisch ghocket und hät jòòmerli ghüület und pfnäächset und hät schüüli verbaarme ghaa mit siich», weiss der Leser und die Leserin sofort, dass da einer alten Mundart gehuldigt wird.

Das Mundartwort schüüli entspricht dem alten hochdeutschen Wort scheulich, älter schiuhlich, ist abgeleitet von scheu, älter schiuh, und hat die ursprüngliche Bedeutung «Scheu erregend, schrecklich, fürchterlich, hässlich». Deshalb konnte man in der alten Mundart sagen er isch e schüüli bööse Mänsch, er hät schüüli gschraue oder es isch e schüüli(g)s Wätter choo. Wie viele andere Verstärkungswörter auch – man braucht nur die oben aufgezählten durchzusehen –, hatte schüüli ursprünglich eine negative Bedeutung und wandelte sich dann zu einem neutralen Verstärkungswort, das nur noch «sehr» meinte. Deshalb konnte man schüüli schöön, geern, gmögig und guet sagen.

Aus altem schiuhlich wurde eine Verstärkungsform gebildet, nämlich schiuhezlich, schiuzlich und daraus entwickelte sich neuhochdeutsch scheusslich. Berndeutsch schüzli ist die Mundartform von älterem schiuzlich, meint also ursprünglich «scheusslich, schrecklich, grässlich». Schüüli und schützli sind daher nicht direkte Entsprechungen. Schüüli entspricht der alten hochdeutschen Normalform scheulich, schüzli der Verstärkungsform scheusslich.       

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier)

AALUEGE

Eine Seite aus dem schönen Züritüütsch-Chinderchochbuech "Misch & Masch", das die Handelskette BachserMärt herausgegeben hat:  


Zum Baselbieter Mundartautor Jonas Breitenstein (1828-1877), der sehr schöne Hexameteridyllen geschrieben hat, gibt es eine sehr lesenswerte Website, in welcher eine umfangreiche Dokumentation zu Leben, Werk und Umfeld des Baselbieter Pfarrers und Dichters zusammengestellt ist.

 


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch


Artikel, Tondokumente und Video

"Häbet nech am Huet" (10.11.2020) im Nighttalk auf Radio Zürisee.

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March