Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

idiotikon1sjpg

Wort oder Ausdruck der Woche


eerber

Das Adverb eerber ist die Mundartform von hochdeutsch ehrbar «ehrenhaft, achtbar, achtenswert». Es ist eine Bildung zum Wort Ehre mit dem Suffix -bar, das seinerseits vom alten Wort beran «tragen» abgeleitet ist. Das Suffix -bar kommt in der deutschen Sprache oft vor von fruchtbar «Frucht tragend» über ehrbar «was Ehre verdient», ersetzbar «was ersetzt werden kann» bis zu offenbar «was offen zutage tritt» und sonderbar «was besonders, ausgezeichnet ist».

Ehrbar ist im Schweizerdeutschen seit dem Mittelalter belegt mit derselben Bedeutung, die es im Hochdeutschen hat. In einer Urkunde aus dem 15. Jahrhundert lesen wir von den «eltesten und erbesten», also von den «ältesten und ehrbarsten». In einer anderen aus dem 16. Jahrhundert ist von Menschen die Rede, die «züchtig und erbar» leben.

Wenn ein Appenzeller jedoch behauptet, i han ems eebe gsäät, braucht er eerber als Adverb mit der Bedeutung «recht ordentlich, ziemlich, deutlich». I han ems eebe gsäät meint «ich habe ihm deutlich die Meinung gesagt». Mit dieser Bedeutung ist eerber bereits in Titus Toblers «Appenzellischem Sprachschatz» von 1837 mit dem Beispiel erber vil Lüt «ziemlich viele Leute» aufgeführt. Im «Appenzeller Sprachbuch» (1999) von Stefan Sonderegger und Thomas Gadmer ist ee(r)be(r), eebe aufgeführt mit den Bedeutungen «ziemlich, recht, ordentlich» und dem Beispiel ee(r)be(r) näbe «ziemlich bald».

In den Mundarten der Nordostschweiz, im Appenzellischen und im St. Gallischen hat sich eerber also zu einem Adjektiv oder Adverb entwickelt mit der Bedeutung «ziemlich, recht, ordentlich». Das «Idiotikon» führt für das St. Galler Rheintal folgende Beispiele auf: do goots nebe eerber kruutig zue «hier geht es, dünkt mich, ziemlich bunt her», neben eerber grooss, gnueg, vil, nass, rääss.

Hermann Bauer schreibt im Buch «Schweizer Dialekte» von 1965 unter dem Titel «Wie den St. Gallern der Schnabel gewachsen ist»:

«Eerber früe ist seiner Meinung nach der Wecker abgegangen. Eerber hat den Sinn von ziemlich, dem es als ehemaliges ehrbar gleichbedeutend ist. Man hält in St. Gallen viel darauf, dass alles ehrbar ist.»

Im selben Buch erzählt Ida Niggli unter dem Titel «E bezli näbes vo öös obe n abe» von einem Pfarrer, er habe «alewile graad use gsääd, was er tenkt hed, ond tenkt hed er eerber vil.»

Nicht nur in den Mundarten der Nordostschweiz hat ehrbar die Bedeutung «ziemlich, recht, ordentlich», sondern auch jenseits der Grenze im Schwäbischen und in den Mundarten Vorarlbergs und des Allgäus.

Vielleicht ist diese Verwendungsweise von ehrbar aus dem Französischen übernommen worden, denn da kann honorablement die Bedeutung «d’une manière satisfaisante», also «anständig, ordentlich, recht» haben. Von einem Schüler kann man sagen il se tenait honorablement «er hielt sich recht gut».

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch

 


Artikel, Tondokumente und Video

Schlechte Zeiten, gute Bücher – Der «Literaturclub» im Juni 2020  SRF1

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March