Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".


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Wort oder Ausdruck der Woche

Genickstarre, Nackenstarre, Halskehre, Äckegstabi

Sich sprachlich der Genickstarre zu nähern, ist ein Abenteuer. Die Bezeichnungen sind sehr vielfältig und in alten Quellen weiss man oft nicht genau, was sie bezeichnen. Beginnen wir mit dem ältesten Beleg beim Zürcher Lexikografen Josua Maaler. Er schreibt in «Die teütsch spraach» von 1561, die Halssstarre sei «ein kranckheit dadurch einer muss den halss aussgereckt halten / und mag in weder hindersich noch fürsich bucken». Maaler betont, dass das Kopfheben und -senken nicht möglich ist; ich würde eher sagen, dass ich den Kopf nicht seitwärts drehen kann. Als lateinischen Begriff setzt Maaler Tetanus, den man in der damaligen Medizin für jede Art von Muskelverkrampfung brauchen konnte. Im übertragenen Sinn bezeichnet Halsstarre aber auch den «Eigensinn» und die «Beharrlichkeit, Hartnäckigkeit», wie die Wörter halsstarrig und Halsstarrigkeit deutlich machen. Bereits in der «Hauspostill» von 1544 erwähnt Luther «halsstarrige leut» und 1578 setzte Ambrogio Calepino in seinem «Dictionarium» «Verharrung, halsstarrikeit, kyb, widerspenstikeit» nebeneinander. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert verbreitet ist auch die Wortform halsstark «widerspenstig»; Hieronymus Emser behauptet 1524, falsche Propheten machten «die leut hoffertig / trotzig / vormessen / eygenwillig / halsstarck».

Das Wort Halsstarre «Genickstarre» hält sich bis heute. Helge Schneider schreibt in seinem Roman «Satan loco» von 2011: «Der Fahrtwind drückte ihm den Kopf nach hinten, und er konnte damit rechnen, nach zweihundert Kilometern Halsstarre zu bekommen.» Und der «Tagesspiegel» vom 12. Februar 2009 behauptet, dass man beim Betrachten der Bilder von Georg Baselitz «unweigerlich eine Halsstarre» bekomme.

Selten ist im 18. und 19. Jahrhundert die Bezeichnung Halssteife, Halsstiiffi belegt, z. B. in der «Zeitschrift für Theater und andere schöne Künste» von 1797: «er litt an der Halssteife jämmerlich». In der «Constitutionellen Bozner Zeitung» vom 7. März 1878 lesen wir von der «halssteifen Gelehrsamkeit».

Die Bezeichnungen Nackenstarre und Genickstarre kommen erst seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor. Im «Centralblatt für klinische Medicin» von 1832 ist sowohl von «Genickstarre» als auch von «Nackenstarre» die Rede. Nur vereinzelt begegnet man dem Eigenschaftswort nackenstarr «halsstarrig», z. B. in der Zeitschrift «Über den Wassern» von 1909: «so wie dieser Charakter aufgebaut ist, nackenstarr, schrullenhaft, ins Alte verbohrt», und in Rachel Berdachs «Der Kaiser die Weisen und der Tod» von 1938: «ihr seid so nackenstarr und widerspenstig».

Das «Variantenwärterbuch des Deutschen» von 2004 bezeichnet Halskehre «durch verspannte Muskeln verursachte Nackenschmerzen» als Helvetismus. Tatsächlich ist es eine Entlehnung von mundartlichem Halscheeri, der wir im «Zürichdeutschen Wörterbuch», im «Schaffhauser Mundartwörterbuch» und im «Obwaldner Mundart-Wörterbuch» begegnen: Halscheeri «Genickstarre, Nackenstarre»; als Halscheeri, Halsoocheeri «Halsstarre» auch im «Appenzeller Sprachbuch». Nicht belegt ist sie im «Schweizerischen Idiotikon» im Gegensatz zu Cheerhals. Alfred Escher (1819–1882) schreibt in einem Brief aus seiner Jugendzeit: «Ich habe heute und gestern einen Kehrhals und kann wieder nicht ausgehen.» In Jakob Bossharts Roman «Ein Rufer in der Wüste» von 1921 sagt eine Figur zu einer Frau, sie würde mit ihrem Aussehen in Paris «auf dem Boulevard des Italiens manchem den Kehrhals geben». Offenbar ist Cheerhals älter als Halscheeri.

Im Mittelbernischen ist die Bezeichnung Äckegstabi «Genickstarre» weit verbreitet; im «Brienzerdeutschen Wörterbuch» finden wir sie unter Näckegschtabi, im «Simmentaler Wortschatz» unter Neckegstabi. Äcke «Nacken» ist verwandt mit altem anke «Gelenk am Fuss, Genick». Gstabi bezeichnet eine «steife, sich ungelenk bewegende» oder «unbeholfene Person» und ist mit der Vorsilbe ge- gebildet zum Wort stabe «staksen, sich steif, unbeholfen bewegen». Äckegstabi ist seit der Zeit um 1900 belegt, z. B. im «Schweizerischen Archiv für Volkskunde» von 1905: Äckegstabi «steifer Hals» und in Simon Gfellers Roman «Eichbüehlersch» von 1941: «Änni het fasch der Äckegstabi gha vom Usegöie».

Angemerkt sei noch, dass sich die Halsstarre aus dem starren Hals und die Nackenstarre aus dem starren Nacken entwickelt hat. Und ich kann noch heute jederzeit sagen ich habe einen starren Hals, ich habe einen starren oder steifen Nacken, ich cha de Hals nid cheere und i han e gstabligen Äcke.    



 (Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier)



Neoländler, die Musikgruppe von EIGETS, hat eine prachtvolle neue CD gemacht

Siehe unter neolaendler.ch






AALUEGE

Eine Seite aus dem schönen Züritüütsch-Chinderchochbuech "Misch & Masch", das die Handelskette BachserMärt herausgegeben hat:  


Zum Baselbieter Mundartautor Jonas Breitenstein (1828-1877), der sehr schöne Hexameteridyllen geschrieben hat, gibt es eine sehr lesenswerte Website, in welcher eine umfangreiche Dokumentation zu Leben, Werk und Umfeld des Baselbieter Pfarrers und Dichters zusammengestellt ist.

 


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch


Artikel, Tondokumente und Video

"Häbet nech am Huet" (10.11.2020) im Nighttalk auf Radio Zürisee.

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March