Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Literaturclub

Dienstag 30.06.2020, 22.25-23.45 Uhr, SRF1

Schlechte Zeiten, gute Bücher – Der «Literaturclub» im Juni

Nicola Steiner, Laura de Weck, Milo Rau und – als Gast – der Dialektologe Christian Schmid diskutieren über «Die Parade» von Dave Eggers, «Danach» von Rachel Cusk, «Nach der Flut das Feuer» von James Baldwin, «Alpefisch» von Andreas Neeser sowie «Tage mit Felice» von Fabio Andina.

 

idiotikon1sjpg

Wort oder Ausdruck der Woche

Sänggerbäng

Was für schöne Wörter mit erstaunlichen Geschichten gibt oder gab es doch in unseren Mundarten! In Rudolf Suters «Baseldeutsch-Grammatik» ist Sänngerbängg aufgeführt, im «Schweizerischen Idiotikon» Sänggerbäng, für das auch nur ein Basler Beleg vorliegt. Bei Suter meint Sänngerbängg erstens «Handwerkszeug des herumziehenden Flickschusters», zweitens «Siebensachen, Gerümpel». Im «Idiotikon» meint Sänggerbäng «Gerümpel», mit dem Beispielsatz: ich ha de ganz Sänggerbäng verkauft. Beide geben an, dass Sänggerbäng aus französischem Saint Crépin entlehnt ist, also der Bezeichnung für den heiligen Crispinus. Wie hängt das zusammen?

Crispinus und Crispinianus waren Brüder aus gutem römischem Haus, die im 3. Jahrhundert nach Augusta Suessonium, dem heutigen Soissons, kamen, um dort zu missionieren. Sie arbeiteten als Schuster. Der Präfekt Rictiovarus nahm sie gefangen, folterte und enthauptete sie um 287. Dadurch wurden sie Märtyrer. Ihr Gedenktag ist der 25. Oktober; Gebeine von ihnen sind in Soissons und in Osnabrück, deshalb sind sie die Patrone dieser Städte. Wegen ihres Berufes sind sie aber auch Schutzheilige der Schuhmacher, Sattler und Gerber. Wandernde Flickschuster packten ihr Werkzeug in einen Sack, den sie schulterten, und dieses Werkzeug nannten sie in Frankreich seit dem 17. Jahrhundert ihr Saint-Crépain. Einen Beleg dazu findet man in Johann Gottfried Haas’ «Neuem Teutschen und Französischen Wörterbuch der Jugend zum Gebrauch» von 1788: Schusterzeug oder Körbgen «Saint Crepin». Um 1700 verallgemeinerte sich die Bedeutung von Saint-Crépin zu «Bagage, kleines Hab und Gut, Gerümpel», was wir in der Mundart Wäärli nennen würden. Einen Beleg dafür habe ich in Peter Rondeaus «Neuem Teutsch-Französischen Wörter-Buch» von 1756 gefunden. Dort ist sein Weniges ist ihm gestohlen worden übersetzt mit «on lui a volé tout son petit saint crépin».

Ausführlicher orientiert der «Dictionnaire universel» (1727) von Antoine Furetière. Saint Crépin, lesen wir dort, sei der Name des Schutzheiligen der Schuster. Dann (auf Deutsch übersetzt):

«In der Sprache von heute ist es üblich geworden zu sagen: Er trägt seinen ganzen Saint Crépin; damit meint man alle Werkzeuge, die ein Schustergeselle mit sich trägt, wenn er auf Wanderschaft ist und von Stadt zu Stadt Arbeit sucht bei Meistern: nämlich seinen Hammer, seine Zange, seinen Lederriemen, sein Glättholz, sein Messer, seine Schuhnadel etc. Legen Sie ihr Saint Crépin hierhin. Man sagt es auch im übertragenen Sinn in der niederen Sprache von einem, der seine ganze Habe mit sich trägt, oder all das, was er zum Überleben braucht. Das ist mein ganzer Saint Crépain. Man hat mir meinen ganzen armseligen Saint Crépin gestohlen.»

Dieser Saint Crépin hat es als Sänggerbäng bis ins Baseldeutsche geschafft!  

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch

 


Artikel, Tondokumente und Video

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March