Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Mein neues Buch ist im Buchhandel: mehr hier

01.10.2024 Chäferfüdletroche - wortgeschichtliche Tauchgänge, 15.15 Uhr, Seniorenforum Werdenberg, Hochschule OST, Buchs SG

 



Wort oder Ausdruck der Woche

Tschent

«Uu, das isch tschent», ruft Sepp, ein Zitgeistler, im Theaterstück «D’Ufrichti» von 1938 des Emmentalers Karl Grunder (1880–1963). Es ist der früheste «Idiotikon»-Beleg für dieses Wort, das noch in meiner Jugendzeit in den1950er- und 1960er-Jahren gang und gäbe war. Einen älteren Beleg findet man in Otto von Greyerz’ Aufsatz «Das Berner Mattenenglisch und sein Ausläufer: die Berner Bubensprache» von 1919. Dort lesen wir: «tschent (fein, flott; englisch gent für gentleman?)». Nicht nur im Bernbiet wurde das Wort gebraucht, sondern laut «Idiotikon» auch im Glarnerland, im Urnerland, im Zürichbiet und in der Stadt Basel. Tschent hat drei Bedeutungen: «schön, fein, erfreulich»: das isch e tschenti Sach, «flott, hervorragend»: es tschents Modi, nur in Basel auch «grosszügig, generös»: das isch tschent von em. Heute hört man das Eigenschaftswort tschent nur noch selten.

Auf welchem Weg tschent, das vom «Idiotikon» «meist als Modewort (der Jungen)» bezeichnet wird, um 1900 in die Jugendsprache gelangte, ist nicht ganz klar. Das «Idiotikon» bezeichnet das kolloquiale amerikanische Englisch als Quelle, von Greyerz erachtet es als möglich, dass es von der Kurzform gent für gentleman abgeleitet ist. Ich halte eine Entlehnung aus dem Amerikanischen für wahrscheinlicher.

Das englische Wörterbuch von Webster aus dem Jahr 1974 führt ein Adjektiv gent mit der Bedeutung «hübsch, anmutig» auf und gibt an, es sei bereits im Mittelenglischen belegt und aus dem Altfranzösischen entlehnt. In der Tat finde ich ein mittelenglisches Gedicht, in dem von einem Feld «full of flowers gende – voll hübscher Blumen» die Rede ist. Im Altfranzösischen ist das Adjektiv gent, gente seit 1080 belegt mit der Bedeutung «adlig, anmutig», wohl abgeleitet von lateinisch genitus «geboren» im Sinn von «wohl geboren». Seit dem 16. Jahrhundert wird französisches gent, gente im Sinne von «anmutig, hübsch» gebraucht. Im Englischen hat das Adjektiv gent offenbar nur in Amerika bis ins 20. Jahrhundert überlebt, allgemein üblich ist heute gentle, entlehnt aus französisch gentil. In unsere Mundarten gekommen ist englisches gent vielleicht über den Wortschatz von Auswanderern, denn erst im Englischen wird aus dem weichen französischen sch- ein tsch-Anlaut.


(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier und in überarbeiteten Versionen im Buch "Chäferfüdletroche", das im Cosmos Verlag erschienen ist. Siehe oben)


Der Sprachatlas der deutschen Schweiz ist online! 13 Jahre lang habe ich an diesem Werk mitgearbeitet und seine Online-Ausgabe ist prächtig geworden, eine grossartige Arbeit. Schaut rein, es lohnt sich.


Neoländler, die Musikgruppe von EIGETS, hat eine prachtvolle neue CD gemacht


Siehe unter neolaendler.ch






AALUEGE

Eine Seite aus dem schönen Züritüütsch-Chinderchochbuech "Misch & Masch", das die Handelskette BachserMärt herausgegeben hat:  


Zum Baselbieter Mundartautor Jonas Breitenstein (1828-1877), der sehr schöne Hexameteridyllen geschrieben hat, gibt es eine sehr lesenswerte Website, in welcher eine umfangreiche Dokumentation zu Leben, Werk und Umfeld des Baselbieter Pfarrers und Dichters zusammengestellt ist.

 


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch


Artikel, Tondokumente und Video

Schaffhauser Fernsehen "hüt im Gspröch" vom 4. März 2024

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March