Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Mein neues Buch ist im Buchhandel: mehr hier

01.10.2024 Chäferfüdletroche - wortgeschichtliche Tauchgänge, 15.15 Uhr, Seniorenforum Werdenberg, Hochschule OST, Buchs SG

08.11.2024 Chäferfüdletroche - wortgeschichtliche Tauchgänge, Topoff Interlaken

 



Wort oder Ausdruck der Woche

Tampe

Beim Velofahren, wenn ich auf einem Radweg in sicherem Gelände unterwegs bin, verliere ich mich manchmal ins Nachdenken über Sprachliches. Für vertrauliches Schwatzen und Plaudern brauchte man das Wort doorfe, erinnere ich mich, das ich schon lange nicht mehr höre oder sage. Und plötzlich meldete sich, weit hinter doorfe, leise ein weiteres Wort, das ich schon Jahrzehnte nicht mehr gehört und wohl selber nie gebraucht habe: tampe. Sätze wie gang hinger ds Huus, si si uf em Bänkli am Tampe oder är isch mer i dr Wägmüli über e Wääg glüffe, u du hei mer du no chli tampet entfalteten sich in meinem Kopf. Ich war meiner Sache sicher und fand das Wort im «Berndeutschen Wörterbuch» und, mit recht langem Artikel, im «Idiotikon». Das «Berndeutsche Wörterbuch» gibt für dampe, tampe als Bedeutung «schwatzen, plaudern» an und verweist auf eine Stelle im Roman «Ring i der Chetti» (1931), der im 15. Jahrhundert spielt. Dort erklärt der Autor Rudolf von Tavel die Herkunft des Wortes so:

«Der Winter düren und wider bis i Summer ynen isch es still blibe z Spiez. Di ganzi Hushaltig isch a der Junkeregass gfüehrt worde, und d Buebe sy flyssig i d Schuel gange, in en alti verlottereti Hütte, wo me nüt meh dra gwändet het, wil si z’nach am Chor vom Münschter gstanden isch und bald het söllen abbroche wärde. Dert het me gar tuusigs guet Wältsch glehrt bim Barfüesser-Läsimeischter Jakob Damp. Dene junge Bärner isch ds Muul gschliffe worde, me het se fei nümmen umekennt. Zu sälber Zyt isch ds Dampen ufcho und bis uf e hüttige Tag im Bruuch blibe; aber der Pater Damp würd sech bsägne, wenn er wüssti, was me hüttigstags under Dampe versteit.»

Diepold Schilling erwähnt den Franziskaner Jacob Damp, den die Berner seiner Französischkenntnisse wegen schätzten, in der «Berner Chronik 1468–1484». In einem Ablassbrief von 1481 wir erwähnt, dass der «junge, gelehrte Barfüsser-Lesmeister Jakob Damp alle Tage im Münster zur grossen Zufriedenheit der Zuhörer predigte». Doch der früheste Beleg für dampe/tampe ist nicht aus dem 16., sondern erst vom Ende des 18. Jahrhunderts und er meint schon damals nicht «geschliffen sprechen», er meint «auf ordinäre Weise plappern, plaudern». Berchtold Friedrich von Haller schreibt in seiner «Beschreibung der Stadt und Republik Bern» von 1794: «Von einem der sich mit alten Weibern und elendem Geschwätze unterhält, sagt man: er tampet.» Als nächstes lesen wir das Wort in Jeremias Gotthelfs Roman «Der Bauernspiegel» von 1837. Der Erzähler sagt von ungelehrten Leuten: «Je seltener sie zum Tampen Zeit haben, desto weniger können sie aufhören, wenn sie einmal sich warm geschwatzt haben.» Und Franz Josef Schild erzählt 1876 vom Raffelhans, «er tampet ’em Sebis, wie g’wändlig, vom Sühniswyb».

Das «Idiotikon» verweist von Tavels Erklärung, dampe/tampe gehe auf Jakob Damp zurück, ins Reich der fabulierten Volksetymologien. Diesem Urteil schliesse ich mich an, weil von der Zeit, in der Damp lebte, bis zum ersten Beleg für dampe/tampe mehr als dreihundert Jahre vergehen. Laut dem «Idiotikon» ist tampe eine nur in der Deutschschweiz gebräuchliche nasalierte Nebenform zu tappen. Tampe hat in einem grossen Gebiet von der Nordwestdeutschschweiz über die Innerschweiz bis ins Bündnerland auch die Bedeutungen «langsam, schwerfällig gehen» und «zögern, säumen». Der Luzerner Mundartautor Theodor Bucher (1868–1935), genannt Zyböri, brauchte das Wort wiederholt. Vom Weggang aus der Kirche schrieb er: «Alli Lüt hend si verloffe, gäg em Hirsche tampid si» und mit der Bedeutung «säumen»: «Se Betli, gang, hol öppis z’Obig! Doch tamp nid lang!» Es ist möglich, dass sich die weitgehend neutrale Bedeutung «schwatzen, plaudern» aus ursprünglicherem «sich versäumen beim Schwatzen» entwickelt hat, denn in vielen frühen Beispielen hat tampe eine negativ gefärbte Bedeutung. «Lisi! Fir z’dampen hein mer hit ekei Zit!», schrieb Fritz Ringgenberg aus Leissigen 1935.    

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier und in überarbeiteten Versionen im Buch "Chäferfüdletroche", das im Cosmos Verlag erschienen ist. Siehe oben)


Der Sprachatlas der deutschen Schweiz ist online! 13 Jahre lang habe ich an diesem Werk mitgearbeitet und seine Online-Ausgabe ist prächtig geworden, eine grossartige Arbeit. Schaut rein, es lohnt sich.


Neoländler, die Musikgruppe von EIGETS, hat eine prachtvolle neue CD gemacht


Siehe unter neolaendler.ch






AALUEGE

Eine Seite aus dem schönen Züritüütsch-Chinderchochbuech "Misch & Masch", das die Handelskette BachserMärt herausgegeben hat:  


Zum Baselbieter Mundartautor Jonas Breitenstein (1828-1877), der sehr schöne Hexameteridyllen geschrieben hat, gibt es eine sehr lesenswerte Website, in welcher eine umfangreiche Dokumentation zu Leben, Werk und Umfeld des Baselbieter Pfarrers und Dichters zusammengestellt ist.

 


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch


Artikel, Tondokumente und Video

Schaffhauser Fernsehen "hüt im Gspröch" vom 4. März 2024

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March