Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".
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MundArt: Dr Trump het sech trumpiert!


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Wort oder Ausdruck der Woche

Buggsiere und die Endung -iere

Hin und wieder werde ich gefragt, ob alle Mundartverben mit der Endung -iere aus dem Französischen entlehnt sind. Bei dieser Frage fällt mir immer buggsiere ein, das ich heute kaum mehr höre. Gebraucht wurde es, soweit ich mich erinnere, immer in Verbindung mit Ortsadverbien, z. B. dä het eso blööd taa, das si ne hei müessen usebuggsiere «hinausbefördern», di het ghueschtet u Fieber ghaa, das si se hei i ds Bett buggsiert «ins Bett geschickt» oder i la mi doch vo dene nid eso la desumebuggsiere «herumstossen».

Carl Heinrich Merck schreibt in seinem «Sibirisch-amerikanischen Tagebuch aus den Jahren 1788–1791»: «Gegen Abend kamen wir, da sich der Wind fast gänzlich stilte, durch buxieren, bei einem Wohnplatz vor der grosen Bucht vor Anker.» Buxieren, seit dem 17. Jahrhundert belegt, ist entlehnt aus der Sprache der Seeleute der frühen Neuzeit. Es bedeutet «ins Schlepptau nehmen». Ins Deutsche kam das Wort aus niederländisch boegseren «ins Schlepptau nehmen, schleppen» mit einem boegseerboot. Ins Niederländische kam es aus portugiesisch puxar «ziehen, zerren», wurde lautlich aber an das Wort Bug angelehnt, mit dem es nicht verwandt ist.

Dieses Beispiel zeigt, dass es Verben mit der Endung -ieren auch im Hochdeutschen und im Niederländischen gibt und dass sie aus anderen romanischen Sprachen als dem Französischen entlehnt sein können. Spaziere zum Beispiel aus italienisch spaziare «sich ausbreiten, sich ergehen» und probiere direkt aus lateinisch probare.

Sehr viele Verben auf -iere in unseren Mundarten sind aus dem Französischen entlehnt: armiere aus armer «verstärken», plagiere «prahlen» aus blaguer «hänseln, spassen», drapiere aus draper «umhüllen, verhängen», enerviere aus énerver «aufregen, erregen», futiere «sich nicht kümmern» aus foutre «machen, tun», altes gunderbiere «gehorchen» auf (se) conduire «sich benehmen», karisiere «Zärtlichkeiten austauschen» aus (se) caresser «zärtlich sein», laggiere aus laquer «mit Lack überziehen», modernisiere auf moderniser «sich der neuen Zeit anpassen, modernisieren», notiere auf noter «aufschreiben, notieren», pressiere auf (se) presser «sich beeilen» bis zitiere aus citer «anführen, zitieren».

Daneben gibt es aber Verbbildungen auf -iere, die weder im Französischen noch im Italienischen Vorbilder haben. Zu Schwadron «kleinste Einheit der Kavallerie», entlehnt aus italienisch squadrone, ist das Verb schwadronieren mit den Bedeutungen «umherziehen», «mit dem Degen wild um sich hauen» und «wortreich erzählen» gebildet worden, das im Italienischen kein Vorbild hat. Drangsaliere «bedrängen, quälen» geht auf Drangsal zurück und ist eine «Französisierung» von älterem drangsalen wie schnabuliere von schnable. Auch haseliere «Spass machen», «seinen Zorn laut ausdrücken, poltern» – «ich haseliere drein», sagt ein Narr in einem Lustspiel von 1764 – hat keine erkennbare romanischsprachige Wurzel.

Es lässt sich also keinesfalls sagen, dass alle Verben auf -iere Entlehnungen aus dem Französischen sind. Die Herkunft muss, wenn sie nicht offensichtlich ist, geprüft werden.

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier)

Eine Seite aus dem schönen Züritüütsch-Chinderchochbuech "Misch & Masch", das die Handelskette BachserMärt herausgegeben hat:  


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch


Artikel, Tondokumente und Video

Schlechte Zeiten, gute Bücher – Der «Literaturclub» im Juni 2020  SRF1

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

"Focus" mit Franziska von Grünigen im April 2012

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March