Christian Schmid ist ein Schweizer Mundartspezialist, Autor, Publizist und Performer. Seine wichtigsten Publikationen sind "Botzheiterefaane", "Blas mer i d Schue", "Näbenusse" und "Da hast du den Salat".

Mein neues Buch ist im Buchhandel: mehr hier

04.03.2024 Chäferfüdletroche - wortgeschichtliche Tauchgänge, 14.30 Uhr, Seniorenuniversität Schaffhausen

22.03.2024 Chäferfüdletroche - wortgeschichtliche Tauchgänge, 19 Uhr, VHS Aare-/Kiesental, Sternensaal Walkringen

11.04.2024 Chäferfüdletroche, 20 Uhr, Orell Füssli Volketswil - Vokiland

01.10.2024 Chäferfüdletroche - wortgeschichtliche Tauchgänge, 15.15 Uhr, Seniorenforum Werdenberg, Hochschule OST, Buchs SG

 



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Wort oder Ausdruck der Woche

Shitstorm

In einem Artikel der «Schaffhauser Nachrichten» vom 19. Februar 2024 berichtete Othmar von Matt darüber, welche Folgen die schriftliche Stellungnahme zur Abstimmung über die 13. AHV-Rente für Altbundesrat Adolf Ogi hatte: «Über ihn brach ein Shitstorm herein. Er erhielt eine Schachtel voll Schmähbriefe, die Hälfte in einer Tonlage unter der Gürtellinie.» Die Bezeichnung Shitstorm für das, was man auf Englisch auch storm of abuse «Sturm von Beschimpfungen, Schmähungen» nennen könnte, ist im heutigen Deutsch gang und gäbe. Shitstorm wurde 2012 in Deutschland zum Anglizismus des Jahres 2011 gewählt und in der Schweiz zum Schweizer Wort des Jahres 2012. Im «Grossen Fremdwörterbuch» von Duden aus dem Jahr 2000 findet man zwar Shit für «Scheisse» und «Haschisch», aber nicht Shitstorm. Dieselbe Situation finden wir in Dudens «Deutschem Universalwörterbuch» von 2001 und in Wahrigs «Deutschem Wörterbuch» von 2011 vor. Erst im dreibändigen Duden-Buch «Die deutsche Sprache» von 2014 ist Shitstorm aufgeführt mit der Erklärung «Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äusserungen einhergeht». In Dudens «Deutsches Universalwörterbuch» von 2023 ist dieser Eintrag unverändert übernommen worden. «Gablers Wirtschaftslexikon» (wirtschaftslexikon.gabler.de) definiert Shitstorm ebenfalls als Internetphänomen: «Ein Shitstorm ist ein Sturm der Entrüstung im virtuellen Raum, in sozialen Medien, in Blogosphären sowie in Kommentarbereichen von Onlinezeitungen und -zeitschriften. Er richtet sich gegen Personen oder Organisationen und kann die Grenze zum Cybermobbing überschreiten.» Am 4. Juli 2013 schrieb Kate Connolly im «Guardian» einen Artikel mit dem Titel «Shitstorm arrives in German dictionary».

Shitstorm ist eine Entlehnung aus dem amerikanischen Slang. Das Wort ist erstmals schriftlich belegt in Norman Mailers Roman «The Naked and the Dead» von 1948. Dort spuckt Red aus und sagt: «I knew we been havin’ it soft too long. Two to one they send us out to catch a shit-storm tonight.» Shitstorm meint hier «äusserst gefährliche Kampfsituation». Peter Torberg und Jürgen Bürger übersetzten Reds Warnung wie folgt: «Ich wusste es, dass wir es schon viel zu lange viel zu gut hatten. Ich wette zwei zu eins, dass die uns heute Nacht losschicken, damit uns mal so richtig die Scheisse um die Ohren fliegt.» Mit derselben auf den Kampf im Krieg bezogenen Bedeutung wird shitstorm verwendet in William Elbert Crawfords Roman «Give Me a Tomorrow» von 1962 – «There’s gonna be a real shitstorm where we’re going.» – und in Martyn Burkes Roman «Laughing War» von 1979 – «We walked into a shitstorm. Roads mined. Gooks behind every blade of grass. Ambush. Mortars.»

Aber bereits 1962 braucht Ken Kesey Shitstorm im allgemeineren Sinn von «verbaler Aufruhr» in seinem Roman «One Flew Over the Cuckoo’s Nest»: «They finally got to arguing with each other and created such a shitstorm I lost my quarter-cent-a-pound-bonus …» Noch heute definieren englische Wörterbücher shitstorm viel allgemeiner als deutsche Wörterbücher. Nicht nur auf das Internet bezogen: «merriam-webster.com» definiert: «a wildly chaotic and unmanageable situation, controversy, or sequence of events», «en.wikipedia.org», auch den Sprachstil ansprechend: «a vulgar dysphemism for a chaotic and unpleasant situation», und «dictionary.com»: «a disaster, scandal, or catastrophic controversy».

Die Adjektive chaotisch, unkontrollierbar, unangenehm und katastrophal in den englischen Erklärungen zeigen, dass der Shitstorm keine Auseinandersetzung zwischen vernünftigen Erwachsenen im Rahmen üblicher und erträglicher Umgangsformen ist, sondern eine verbale Flut, in der vor Beschimpfungen, Schmähungen und Drohungen nicht zurückgeschreckt wird. Leider geschieht das nicht nur im virtuellen, sondern auch im reellen öffentlichen Raum. Das ist nicht erst heute so. Wo ist der aufgeklärte Geist, frage ich mich. Mir schwant, dass wir aus lauter Sorge um unser Rechthaben und unseren Eigennutz zu ihm nicht wirklich fähig sind.

(Die gesammelten Wörter der Woche finden Sie hier und in überarbeiteten Versionen im Buch "Chäferfüdletroche", das im Cosmos Verlag erschienen ist. Siehe oben)


Neoländler, die Musikgruppe von EIGETS, hat eine prachtvolle neue CD gemacht

Siehe unter neolaendler.ch






AALUEGE

Eine Seite aus dem schönen Züritüütsch-Chinderchochbuech "Misch & Masch", das die Handelskette BachserMärt herausgegeben hat:  


Zum Baselbieter Mundartautor Jonas Breitenstein (1828-1877), der sehr schöne Hexameteridyllen geschrieben hat, gibt es eine sehr lesenswerte Website, in welcher eine umfangreiche Dokumentation zu Leben, Werk und Umfeld des Baselbieter Pfarrers und Dichters zusammengestellt ist.

 


Ein für Mundartinteressierte wichtiges, wunderbares, neues Buch, das endlich einen umfassenden Überblick gibt über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen. Herausgeber: Emanuel Ruoss und Juliane Schröter, erschienen im Schwabe Verlag:

  Schweizerdeutsch


In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. «Schweizerdeutsch» ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der Deutschschweizer Identität bildet.

Der Gitarrist und Lautenist Christoph Greuter, mit dem ich oft und gern auftrete, hat zwei neue Lauten-CDs gemacht, die demnächst im Handel erscheinen:

ARCADIA | Italienische Lautenmusik der Hochrenaissance

Label : Narrenschiff (Nar 2020146)
SPREZZATURA | Tänze + Ricercari aus den frühesten Lautenhandschriften

Label : Narrenschiff (Nar 2020147)

Hörmuster auf www.christophgreuter.ch


Artikel, Tondokumente und Video

Interview "Mundartliteratur sollte endlich wieder erforscht werden!" auf blog.berndeutsch.ch

Der Generationentalk mit Estelle Plüss (Best-Elle), geleitet von Elias Rüegsegger vom Generationentandem und im Generationenhaus Bern am 17.12.2019

Schaffhauser Fernsehen "Hüt im Gspröch" mit Alfred Wüger vom November 2019 (zum Buch "Häbet nech am Huet")

"Reden wir überhaupt noch Dialekt?" Interview von Lena Rittmever im Bund vom 25.10.2019

"Mundartforscher Christian Schmid: 'Das ist eine Stadt-Land-Geschichte'", Interview mit Martin Uebelhart in der Luzerner Zeitung vom 4.5.2018

Mundart-Experte Christian Schmid beantwortet Leser-Fragen im Blick vom 23.10.2017 

"Die Pendler nehmen Wörter mit nach Hause", Interview mit Daniel Arnet im  Sonntagsblick 2017

"Der Wörtli-Schmid und seine Redensarten" Schnabelweid mit Christian Schmutz, SRF1 am 9.11.2017

Schwiizerdütsch im Top Talk auf Tele Top 2017

"Werum sich d Mundart dörf verändere" in Volksstimme vom 31.1.2017

Christian Schmid erzählt die Sage von der Scheidegg-March